25. April 2007
ERINNERUNGEN EINES EX-HOOLIGANS
"Ich habe die Gewalt gebraucht"
2. Teil: Was Toni Meyer über Politik und gröhlende Kuttenfans denkt und warum die Polizei seiner Meinung nach bei Schlägereien oft wegsieht.
In Deutschland formierten sich im Schatten der Proficlubs berüchtigte Gruppen. Die Gelsenszene in Gelsenkirchen, die Adlerfront in Frankfurt, die Red Devils in Nürnberg oder Endsieg in Berlin. Auch in München wurden Fans von der Welle des englischen Hooliganismus erfasst, die nun über Europa rollte. Zahlenmäßig konnten sie aber nicht mit der Konkurrenz mithalten.
Deshalb schlossen sich 1986 Gleichgesinnte aus den verfeindeten Lagern des FC Bayern und des TSV 1860 zusammen. "Das hat am Anfang großen Krach gegeben", sagt Toni Meyer. Den Namen der Gruppe möchte er nicht verraten. Der harte Kern bestand aus dreißig bis vierzig Leuten, manchmal kamen auch hundert zusammen. Alkohol war nun vor den Schlägereien tabu, niemand durfte geschwächt werden. Auch die äußere Erscheinung wandelte sich. Toni Meyer legte Schal und Trikot in den Schrank. Er trug Bomberjacke, enge Röhrenjeans, Adidas-Allround-Turnschuhe - und Vokuhila. Die ganze Gruppe sah so aus. Wie eine militärische Einheit.
Eines will er an dieser Stelle klarstellen. "Wir waren unpolitisch, nicht rechts und auch nicht links. Wir wollten nur die stärkere Gruppe sein und die Farben unserer Stadt verteidigen." Er kann sich gut an die Typen mit den rasierten Schädeln und den braunen Hosen erinnern. Sie standen vor den Stadiontoren, verteilten Prospekte und suchten neue Mitglieder für ihre rechtsextremistischen Parteien. "Uns hat das kalt gelassen", sagt Toni Meyer. Der politische Hintergrund der Hooligangruppen war von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Die meisten waren unpolitisch. In Gelsenkirchen mischten viele Türken mit, in Karlsruhe Kroaten und Serben, in München gehörten zwei Farbige der Szene an. In West-Berlin dagegen war die Zahl der Rechtsradikalen groß. Toni Meyer ging es nicht um politische Botschaften, ihm ging es um Gewalt. "Der Spielplan bestimmte unseren Gegner, fast an jedem Wochenende hatte es gekracht." Der Fußball war eine Zeitlang nicht mehr das wichtigste. Er war Begleitmusik, Mittel zum Zweck.
In den ersten Monaten herrschte Anarchie. Regenschirme dienten als Schlaginstrumente, Zeitungen wurden zusammengerollt und verwandelten sich in Knüppel. Einige Wahnsinnige warfen Steine, Flaschen, Leuchtkugeln und Dartpfeile. Erst dann kamen die Fäuste ins Spiel. Diese lebensgefährliche Prozedur wiederholte sich Woche für Woche, die Abläufe waren stets die gleichen. Jede Gruppe hatte einen Anlaufpunkt. Vor den Spielen des FC Bayern im Ruhrgebiet zum Beispiel trafen sich die Münchner Hooligans in der Düsseldorfer Altstadt.
Es gab keine Handys, es gab kein Internet. Späher wurden in die gegnerischen Lager entsandt, meistens waren es die Jüngeren, die am Bodensatz der Hierarchie auf den Aufstieg warteten. Manchmal verbündeten sie sich mit anderen Gruppen. Der FC Bayern pflegt seit Jahren eine Fanfreundschaft mit dem VfL Bochum. Irgendwann setzte sich der Mob in Bewegung, es ging weiter nach Gelsenkirchen oder Dortmund. Am Bahnhof des Zielortes warteten die Kontrahenten, in der Regel waren es blutige Empfänge. In München verhielten sie sich dagegen meist unauffällig, die bayerische CSU-Landesregierung unter Franz Josef Strauß hatte straffe Regeln eingeführt.
"Wir waren ein bisschen arrogant"
Toni Meyer fand Gefallen an seinem neuen Lebensinhalt. Wie die meisten seiner Mitstreiter bediente er nicht die Klischees, er war kein sozial frustrierter Betonkopf. Selbst Anwälte und Ärzte flüchteten als Hooligans aus dem normalen Leben. Toni Meyer hatte seine Lehre als Schreiner in München vor Jahren abgeschlossen. Berauschend waren seine Noten nicht, doch das war ihm egal. Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, arbeitete auf dem Bau oder als Lagerist. Karriere machen wollte er nicht. Noch nicht.
Für eine längere Beziehung blieb keine Zeit, mit seinen Gedanken war er ohnehin woanders. Die Gruppe war ihm wichtig. "Die Loyalität." Adrenalin ist eine von den stärksten Chemikalien im menschlichen Körper. "Ich habe das gebraucht, der Alltag war wie weggeblasen", sagt Toni Meyer und klingt wie ein Alkoholiker, der seine Sucht inzwischen besiegt hat. "Als Hooligan habe ich gemerkt, dass ich lebe, egal, ob ich ausgeteilt oder eingesteckt habe." Ihm war immer klar, dass sich das für Unbeteiligte sehr seltsam anhören muss.
Bald kannte jeder jeden in der Szene. Die Duelle wiederholten sich. Es kam Routine in das Leben der Schläger. Und mit der Routine wuchs die Fairness. Wurfgeschosse wurden zunehmend als unehrenhaft angesehen, als einzige Waffe war der Körper bestimmt, allerdings hielten sich nicht alle an diesen Kodex. Toni Meyer zählte nun zu den erfahrenen Kräften, in einem halben Jahrzehnt war er bis an die Spitze der Hierarchie vorgedrungen. Die Hooligans sahen sich als Elite der Fanszene. Sie kleideten sich inzwischen kostspielig, trugen Chevignon-Jacken und Marken-Sportschuhe.
"Wir waren ein bisschen arrogant und haben uns als das Nonplusultra angesehen", sagt Toni Meyer. "Mit den besoffenen und grölenden Kuttenfans wollten wir nichts mehr zu tun haben." Der Fanblock, der Alkohol, die schwitzenden Leiber, das war nicht mehr seine Welt. Die Hooligans nahmen auf der Haupttribüne Platz, neben den Ehrengästen. Sie verhielten sich unauffällig, ihre Spielfelder waren woanders. "Die Polizisten haben oft weggeschaut. Sie wussten, dass wir keine Unbeteiligten vermöbeln wollten."
Lesen Sie morgen im zweiten Teil: Warum Meier in Rotterdam trotz Todesangst den ultimativen Kick erlebte und wie er die Seiten vom Hooligan zum Jugendbetreuer wechselte.
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