"Ja, es schmerzt" - Teil1

  • Herr Heynckes, Sie haben dieses Jahr in München und Leverkusen Mannschaften übernommen, die sehr erleichtert waren, ihre alten Trainer los zu sein. Skeptiker sagen, dieser Effekt sei von kurzer Dauer. Verfliegt der Heynckes-Zauber bald?

    Ich habe keinen Einfluss darauf, was vorher war. Ich bringe mich ein, schaffe eine Atmosphäre, in der die Spieler atmen können, in der alle Mitarbeiter sich wohl fühlen. Bei Bayern München habe ich am ersten Abend eine SMS bekommen: "Es macht wieder Spaß." Es ist nicht leicht, so eine fruchtbare Atmosphäre dauerhaft zu erhalten, aber es ist möglich.

    Das klingt nach einem radikalen Gegenmodell zu Vorgänger Bruno Labbadia, der die Spieler "aus der Komfortzone" herausholen wollte.

    Wenn Sie als Trainer alles unterdrücken, wenn Sie alles reglementieren, wie will man sich dann als Führungspersönlichkeit entwickeln? Da habe ich selber früher Fehler gemacht. Ich war einmal ein Trainer, der sehr rigoros war. Heute sehe ich das ganz anders.

    Ist das der Luxus, den man sich erlauben kann, wenn man niemandem mehr etwas beweisen muss?

    Es ist meine Überzeugung. Wir leben heute in einer rasanten Gesellschaft, keiner hat mehr für den anderen Zeit, es passieren Dinge wie der furchtbare Todesfall in der Münchner S-Bahn. Da ist einer couragiert, hilft Kindern, ist sehr menschlich und kommt dabei ums Leben. Fünfzehn Leute haben zugeschaut, das ist typisch für unsere Gesellschaft. Ich versuche mittlerweile, die Dinge zu entschleunigen. Damit meine ich, den Druck von den Menschen wegzunehmen. Leute mit weniger Druck können menschlicher sein.

    Hat dieser Wandel auch damit zu tun, dass Sie zwei schwere Jahre hinter sich haben, mit einer Krankheit und Schicksalsschlägen?

    Meine Sicht auf das Leben hat sich in dieser Zeit tatsächlich verändert. Es ging mir nicht gut, ich habe Freunde verloren, da ändert sich der Blick auf banale Dinge. Ob einer mal zu spät zum Training kommt, wie Renato Augusto, ist mir nicht mehr so wichtig. Früher hätte ich ihn in den Senkel gestellt, heute nehme ich ihn in den Arm. Vielleicht bin ich altersmilde geworden.

    In der Mannschaft von Bayern Leverkusen wünschen Sie sich dagegen mehr Sauhunde. Das klingt ein klein wenig paradox.

    Ich will, dass es Spieler gibt, die auch Dinge anprangern. Ich habe Simon Rolfes, diesem stillen Jungen, der aber unser Kapitän ist, gesagt: Du musst auch mal unbequem sein. Auch Stefan Kießling und René Adler müssen diese Aufgabe erfüllen. Wenn einer mal zu spät zum Training kommt oder zur Unzeit um die Häuser zieht, dann muss die Mannschaft das regeln. Ich mache das nicht mehr.

    Auf geht`s Bayer, kämpfen und siegen!