Eine „Sahneschnitte“ hatte der Leverkusener Sportdirektor Rudi Völler angekündigt. Er soll sie sein: RENATO AUGUSTO (20) wechselt zu Bayer 04. Der Brasilianer gilt in der Szene als Supertalent – und fürchtet in Deutschland nur das Wetter.
Die Peilung aufgenommen hat Bayer Leverkusen vor drei Jahren bei der U-17-Weltmeisterschaft in Peru. Seitdem, erzählt Manager Michael Reschke, sei Renato (Soares de Oliveira) Augusto der „absolute Lieblingsspieler der Scouting-Abteilung“.
Mindestens 15-mal wurde der Mittelfeldspieler von Flamengo Rio de Janeiro beobachtet. Seine Verpflichtung war eine Fiktion. Ein Wunschtraum – und wurde am Donnerstag vergangener Woche Realität (Vertrag bis 2013). Voraussichtlich am Mittwoch wird die von Sportdirektor Rudi Völler als solche angekündigte „Sahneschnitte“ im Trainingslager in St. Gallen/Schweiz erwartet. Am stärksten zur Geltung kommt der Neue im Kreativzentrum oder im halbrechten Mittelfeld.
Renato Augusto gilt als einer der besten Spieler, die in den vergangenen Jahren den Sprung aus der Nachwuchsabteilung von Flamengo in den Profi kader schafften. „Wenn er nach Europa geht, wird er der neue Kaka“, sagt sein Ex-Coach Ney Franco. Unter ihm debütierte Renato Augusto am 12. Juni 2005 (2:4 gegen Corinthians).
Im Frühjahr 2006 wurde aus dem Teilzeitarbeiter ein fester Bestandteil des Flamengo-Teams (95 Spiele, 11 Tore, 13 Assists).
Der Stil des hymnisch schon als Wunderknaben gefeierten Edel-Talentes vereinigt die Fähigkeit zu feinen Dribblings, eine blitzschnelle Auffassungsgabe und gleichermaßen kraftvolle wie präzise Distanzschüsse, die er bevorzugt mit dem rechten, aber auch mit dem kaum weniger starken linken Fuß abgibt.
Dede, Linksverteidiger von Borussia Dortmund, beschreibt seinen Landsmann als „eine Mischung zwischen Diego und Lincoln. Er hat ein Riesenpotenzial“. Norbert Ziegler, Bayers Chefscout, rühmt das „hohe technische Niveau“ Renato Augustos, dessen Geschmeidigkeit (trotz einer Größe von 1,85 m) und „unglaubliche Teamfähigkeit“.
Ihn, Südamerika-Scout Andreas Fehse und Reschke, der den 20-Jährigen zweimal unter die Lupe nahm und den Coup dann schlau einfädelte (siehe Extrastory), beeindruckt, dass Renato Augusto „beim Pass immer die finale Lösung“ hat. Charisma und (Früh-)Reife runden das Profil eines offenbar kompletten Kickers ab, der, wie Ziegler betont, „schon wie Mitte 20 wirkt – und so, als habe er 300 Spiele im Profi bereich hinter sich“.
Renato Augusto, der bei der U-20-WM in Kanada (2007) gemeinsam mit Alexandre Pato (AC Mailand), Marcelo (Real Madrid) und Hoffenheims Carlos Eduardo das Herzstück der Nachwuchs-Selecao bildete, überhaupt an die Angel zu bekommen, führen Branchenkenner darauf zurück, dass dessen Entwicklung zuletzt nicht linear nach oben führte. Verletzungen stoppten seinen Aufstieg. Erst im Frühjahr zog sich Renato Augusto einen Jochbeinbruch zu, an den ihn heute noch zwei Titanplatten im Gesicht erinnern. Dass Flamengo just in diesen Tagen frisches Geld benötigte, begünstigte die Verhandlungen.
„Wir sind zum richtigen Zeitpunkt in die richtige Nische gegangen“, sagt Ziegler. Seine Abteilung hatte Renato Augusto seit 2005 „durchweg positiv“ beurteilt. Auch in einer etwas schlechteren Phase im vergangenen Jahr sei die individuelle Klasse „immer deutlich und klar“ gewesen.
Ziegler prophezeit, dass Renato Augusto „keine große Anlaufzeit“ benötigen wird. Der Brasilianer selbst fürchtet vor dem Wechsel in die neue Welt nur das Wetter: „Ich weiß, dass es ein bisschen kalt ist in Deutschland.“
Auch an einen anderen Fußball wird sich Renato Augusto erst noch gewöhnen müssen. „In der Bundesliga ist das Tempo höher“, erklärt Dede, „und es werden mehr Zweikämpfe geführt.“ Den ersten Kontakt mit dieser fremden Spiel-Kultur wird der Neu-Leverkusener am 23. Juli aufnehmen: Dann testet Bayer gegen die Jungs von Alemannia Aachen.
Trainer Bruno Labbadia kennt den jungen Mittelfeldstar nur von diversen DVDs. Doch er gelangte am Rekorder zur gleichen Erkenntnis wie die Scouts des Klubs, denen jetzt, nach der Abwicklung des Transfers, das Wasser im Mund zusammenläuft. Die Zeit in Leverkusen betrachtet Renato Augusto als nächsten logischen Schritt in seiner Entwicklung. Als eine Art Durchgangsstation. In Leverkusen steht er im Schaufenster. Bis Europas Fußball-Hochadel bei Bayer anklopfen wird.
HINTERGRUND
10 Millionen? So viel zahlt Bayer wirklich
Hat Bayer Leverkusen tatsächlich 10 Millionen Euro für Renato Augusto hingeblättert – wie Kleber Leite, Vizepräsident von Flamengo Rio de Janeiro, behauptet?
Seiner Darstellung zufolge kassiert Flamengo 5,2 Millionen Euro für exakt 52 Prozent der Transferrechte. Noch einmal annähernd denselben Betrag zahle Bayer an die Sportrechtefi rma „Traffic“ und an die Investorengruppe „MFD“, um deren Besitzanteile zu erwerben. Sagt Leite.
Nach kicker-Informationen stimmt seine Rechnung allenfalls in Teilen. Tatsächlich soll Leverkusen nur ein Gesamtpaket in einer Größenordnung zwischen 5,5 und 6,5 Millionen Euro geschnürt haben. 5,2 Millionen Euro fließen an Flamengo – und ein vergleichsweise kleiner Betrag an „Traffi c“ und „MFD“, die dafür einen Teil der Rechte an Renato Augusto behalten haben und mit dem Bundesligisten gleich die Modalitäten für einen eventuellen Weiterverkauf des Spielers aushandelten.
Das nun vereinbarte Konstrukt sieht vor, dass Bayer im Falle eines Weiterverkaufes, der frühestens 2010 erfolgen kann, den in diesem Sommer investierten Betrag erstattet bekommt – und an dem zu erwartenden Mehrerlös prozentual beteiligt wird.
Die Transferrechte Renato Augustos zu 100 Prozent zu erwerben, lag für Leverkusen außerhalb jeder finanziellen Reichweite. Ohnehin signalisierten „Traffic“ und „MFD“ keine Bereitschaft, sich ihre Besitzanteile komplett abkaufen zu lassen.
Der Grund dafür liegt auf der Hand: Sie sind von einer deutlichen Wertsteigerung des Spielers überzeugt und wollen entsprechend davon partizipieren, wenn Renato Augustos Stern mittelfristig auch in Europa aufgeht.
Aus der aktuellen Kicker-Printausgabe
Hört sich doch ganz gut an. Die "nicht-lineare" Entwicklung ist hoffentlich nur auf die Verletzungen zurück zu führen...