Immer noch ein Bein im Schrank

  • Immer noch ein Bein im Schrank
    Sergej Barbarez in Aktion


    Bayer Leverkusen machte mit einer starken Hinrunde von sich reden und bot attraktiven Offensivfußball. Damit hatten nicht alle Experten gerechnet, auch nicht damit, dass sich Sergej Barbarez ein alter Haudegen noch einmal zur Führungsfigur der jungen Wilden aufschwingen kann. sportal.de beleuchtet den 36-Jährigen und sein Geheimrezept vor der Partie gegen seinen Ex-Club HSV.


    Nach Ablauf der Saison 2005/06, in der der HSV die Qualifikation für die Champions League schaffte, lief der Vertrag von Sergej Barbarez bei den Hanseaten aus. Der Vorstand des Clubs wollte einen Generationwechsel vollziehen und bemühte sich lediglich halbherzig darum, den Bosnier zu halten. Nach einer eher durchschnittlichen Saison bot man ihm deshalb einen stark leistungsbezogenen Anschlussvertrag an. Damit wäre eine drastische Gehaltskürzung von 2,4 auf 1,6 Millionen Euro pro Jahr einhergegangen. Barbarez wechselte enttäuscht und verärgert zu Bayer Leverkusen. "Es war der merkwürdigste Tag in meinem Leben. Es hat sich in meinem Körper alles bewegt. Es war so, als schwebte ich zwischen Himmel und Erde", beschrieb er damals im kicker seine Gemütsverfassung.
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    Ein echter Leader


    Die wenigsten hatten wohl damit gerechnet, dass er sich dort noch einmal zum Leitwolf aufschwingen könnte. Großer Ehrgeiz, Trotz und der Wille, es allen noch einmal zu beweisen trieben ihn an. So etablierte er sich nach einigen Anlaufschwierigkeiten in der Vorrunde neben dem zweiten Routinier Bernd Schneider als der große Dirigent in den Reihen der Werkself - und auch zum Publikumsliebling. Zuletzt zeigte er sein Können gegen Cottbus, als er mit zwei Vorlagen erheblich zum 3:2-Auswärtssieg seiner Mannschaft beitragen konnte. Insgesamt kommt er in 14 Saisonspielen auf vier Tore und fünf Assists.
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    Früher oft als Heißsporn und launische Diva verschrien, strahlt der 36-Jährige inzwischen Ruhe und Gelassenheit aus. Mit seiner Persönlichkeit, die man auch beim HSV nach seinem Wechsel lange schmerzlich vermisst hatte, führt Barbarez die junge Bayer-Riege um Rene Adler (22), Stefan Kießling (24), Tranquillo Barnetta (22), Gonzalo Castro (21) und Pirmin Schwegler (20).


    „Mir gefällt diese Rolle, und es macht mir großen Spaß, in dieser Mannschaft zu spielen", erklärte er gegenüber Welt Online. „In den anderthalb Jahren bei Leverkusen haben sich etliche junge Spieler bei uns weiterentwickelt. Ich freu mich für die Jungs, erfreue mich an unserem Spiel." Sein eigene Position erklärt er ganz bescheiden: „Wenn man einen Beitrag zum Ganzen beisteuern kann, ist eine solche Aufgabe besonders reizvoll." Angesichts seiner Erfahrung mit 15 Jahren Bundesliga und 315 Ligaspielen macht ihm so schnell keiner etwas vor. "Er ist ein echter Leader", lobte Bayer-Boss Wolfgang Holzhäuser. Experten sind sich unisono einig. Er könne ein Spiel lesen wie kein Zweiter. "Ich war damals nicht so schlecht, wie ich gemacht wurde, und ich registriere die Lobeshymnen heute auch nur am Rande", bleibt der Routinier auf dem Teppich.


    Ein Treffer gegen die alte für die neue Liebe


    Auf das Spiel gegen seinen alten Club ist Barbarez aber heiß. „Hamburg bleibt meine alte Liebe", sagte er, verkündete aber auch: "Für mich ist es das Spiel Dritter gegen Vierter - und wir wollen vorne bleiben." Im Training hängte er sich voll rein und zog sich eine leichte Oberschenkelblessur zu. Ein harter Schuss mit seinem schwächeren rechten Fuß war der Auslöser. Doch für das Spiel ist er bereit: "Zur Not habe ich noch ein Bein im Spind. In meinem Alter hat man mehrere Beine", meinte Barbarez entspannt grinsend.


    Gerne würde der Bosnier auch noch in der neuen Saison seine Beine für Bayer hinhalten. Sein Kontrakt in Leverkusen wird um ein Jahr verlängert, wenn sich Bayer einen Platz im internationalen Geschäft sichern kann. Momentan sieht es alles gut aus. Barbarez bestätigte in BILD bereits: Barbarez: "Bayer und ich haben das Thema jetzt schon grob besprochen. Es geht um Verlängerung bis 2009. Bis Ende des Monats erledigen wir den Rest...".


    Endlich einen Großen schlagen


    Dazu würden mit einem Sieg gegen den HSV natürlich wichtige Punkte eingefahren und Platz drei zementiert werden können. Noch einmal Champions League zum Abschluss wäre ein Traum. "Unsere Gier ist groß, wir sind sehr hungrig", brennt er auf die Partie und spricht Bayers vielleicht einziges Manko in dieser Spielzeit an: "Wir wollen endlich den nächsten Schritt machen und auch mal einen Großen schlagen."


    Nur ein Punkt konnte aus Spielen gegen Bayern, Bremen, Hamburg, Stuttgart, Schalke geholt werden. Das soll sich jetzt ausgerechnet gegen den HSV ändern, wo in der Hinrunde mit 0:1 verloren worden war. Rudi Völler grantelte hinterher von "unserem schlechtesten Saisonspiel".


    Granteln gegen den HSV will Barbarez nicht mehr, der Groll ist verraucht, die Querelen bei seinem Abgang vergessen. „Vom Zeugwart bis zum Präsidenten - ich freue mich auf alle Hamburger, die ich jetzt in Leverkusen treffen werde", meinte er. Oder meinte er vielleicht eher, „gegen die ich in Leverkusen treffe"? Das würde ihn auch der magischen 100 Toremarke näher bringen. Fünf Treffer fehlen ihm noch, um der fünfte Ausländer in der Ligageschichte zu werden, dem dies gelingen könnte.



    Malte Asmus




    sportal.de