"Joachim Löw ist ein perfekter Trainer"
Seit gemeinsamen Leverkusener Zeiten sind Michael Ballack (30) und Bernd Schneider (33) befreundet. Im Doppel-Interview mit WELT ONLINE sprechen sie über die Qualität der Fußball-Bundesliga, ihre Ziele mit dem Nationalteam, verpasste Titel und den Aufschwung in ihrer ostdeutschen Heimat.
WELT ONLINE: Herr Ballack, als Sie vor einem Jahr nach London kamen, sagte Ihr Trainer Jose Mourinho: „Welcome to the real world“. Wie war Ihr Jahr in der wirklichen Welt?
Michael Ballack: Es war ein sehr intensives und lehrreiches Jahr, in dem wir eigentlich permanent Druck hatten, weil es die Chance gab, vier Titel zu holen. Die bisherige Zeit hat mich sportlich und privat weitergebracht. Ich kann sagen, dass ich in London gefunden habe, wonach ich gesucht habe, bevor ich dort hinging.
WELT ONLINE: Hat es Sie geschockt, wie heftig in England Kritik ausfallen kann?
Ballack: Ja. Dass es dort mehr Boulevardzeitungen gibt als in Deutschland, musste ich auch erst einmal registrieren. Gerade wenn es um die Kritik einzelner Personen geht, erlebt man heftige Dinge. Aber ich habe schnell gelernt, nicht alles so ernst zu nehmen und gelassen auf die eine oder andere Schlagzeile zu reagieren. Wenn man so will, war das auch ein Teil meines Lernprozesses.
WELT ONLINE: Ein sehr anstrengender.
Ballack: Aber es war ein Teil der Herausforderung, die ich wollte. Ich hatte in München vier schöne Jahre, aber dann wollte ich etwas Neues, was ich in England gefunden habe. Ich musste mich dort wieder neu durchsetzen und behaupten. Darin lag der große Reiz.
WELT ONLINE: Sind Sie froh, Herr Schneider, dass es um Sie weitaus ruhiger bestellt ist?
Bernd Schneider: Absolut. Das passt zu meinem Naturell. Ich spiele bei einem Verein, bei dem es ruhig ist – egal, ob wir mit Leverkusen gewinnen oder verlieren.
WELT ONLINE: Beneiden Sie Ihren Freund, dass er bei den Bayern gespielt hat und jetzt bei Chelsea ist?
Schneider: Auf keinen Fall. Ich hätte auch gern mal bei einem internationalen Top-Verein gespielt. Es gab ja sogar mal die Möglichkeit, 2004 zum FC Barcelona zu gehen.
WELT ONLINE: Die Spanier wollten Sie im Doppelpack. Doch die Bayern ließen Sie damals nicht ziehen, Herr Ballack.
Ballack: In so einem Fall müssen alle Dinge passen, was damals nicht der Fall war. Es geht doch nicht immer nur darum, was man selbst will, sondern auch um die Familie und die Vereine, die sich einigen müssen. Außerdem waren wir beide damals mit unserer Situation nicht unglücklich.
WELT ONLINE: Sehnen Sie sich manchmal nach etwas mehr Ruhe?
Ballack: Es begleitet mich doch durch meine Karriere, dass sich der Fokus stark auf mich konzentriert. Aber ich habe damit kein Problem. Im Gegenteil, ich habe immer die Herausforderung gesucht, weil man durch die Veränderung wächst und sich weiter entwickelt als Mensch. Das Verändern schafft die Möglichkeit zu vergleichen. Da kann es sogar sein, dass du feststellst, dass es gar nicht so heftig war, wie man immer dachte. Das ist interessant.
WELT ONLINE: Genauso wie der Fakt, dass die Wahl zum Fußballer des Jahres umstritten ist. Oft fällt dabei der Name Ihres Freundes.
Ballack: Das wundert mich nicht.
Schneider: (lacht) Vielen Dank.
Ballack: Bernd ist Führungsspieler und spielt seit Jahren hervorragend Fußball, auch wenn er nicht beim FC Bayern oder einem internationalen Top-Klub war. Es wird ja oft beklagt, dass es in der Bundesliga an spielerischer Qualität mangelt. Bernd beweist in meinen Augen das Gegenteil.
WELT ONLINE: Sind Sie eigentlich besorgt um den deutschen Nachwuchs, wenn Vereine wie die Bayern nun internationale Stars holen?
allack: Ich sage seit Jahren, dass die jungen Spieler lernen müssen, sich durchzusetzen – egal, wer neben ihnen spielt. Das gehört zu ihrer Entwicklung. Wenn man Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger als Beispiel nimmt, dann müssten sie dem Konkurrenzdruck gewachsen sein, weil sie in ihrem Alter schon viel Erfahrung haben. Selbst wenn die Bayern jetzt Stars aus dem Ausland holen, bin ich überzeugt, dass die beiden sich auf Grund ihrer Qualität durchsetzen.
WELT ONLINE: Tragen die Verantwortlichen in München eine gewisse Mitschuld, dass gerade das Duo eine Saison mit viel Kritik hinter sich hat?
Ballack: Das kann ich nicht beurteilen. Aber Höhen und Tiefen gehören zum Geschäft, die Schwankungen sind normal. Und Lukas ist erst 20, das darf man nicht vergessen. Ich habe in dem Alter noch keine Bundesliga gespielt, geschweige denn in der Nationalmannschaft.
WELT ONLINE: Die Bayern wollen den Titel zurück. Ist das überhaupt zu verhindern?
Schneider: Natürlich. Sollten sie wirklich mit einem runderneuerten Team antreten, wird es eine Weile dauern, bis sie kompakt und stark sind. Sie wissen sicher selbst, dass sie die Meisterschaft nicht im Vorbeigehen gewinnen können.
WELT ONLINE: Fürchten Sie die Bayern?
Schneider: Nein. Ich freue mich auf die Spiele.
WELT ONLINE: Nach dem internationalen Scheitern deutscher Klubs wurde die Frage aufgeworfen, was die Bundesliga von der Premier League lernen kann?
Ballack: Jede Liga steht für einen bestimmten Stil. Dass es in England so gut läuft, liegt in erster Linie an den finanziellen Mitteln, die einige Vereine dort zur Verfügung haben. Sie ermöglichen den Einkauf ausländischer Profis, die wiederum den Fußball stark prägen.
Schneider: Man sieht es ja an der englischen Nationalelf, die zuletzt keinesfalls gut gespielt hat. Das Geld ist der große Unterschied.
WELT ONLINE: Dann müssten sich doch selbst Bayern-Gegner darüber freuen, wenn der Klub nun Stars wie Luca Toni und vielleicht auch noch Franck Ribery verpflichtet?
Schneider: Ich finde es gut für den deutschen Fußball, was die Bayern machen. Wenn Spieler von so einem Format nach Deutschland kommen, profitieren nicht nur sie davon, sondern die ganze Liga.
WELT ONLINE: Mit Cottbus und Rostock spielen wieder zwei Ost-Klubs in der Bundesliga. Bedeutet Ihnen, die in den neuen Bundesländern geboren sind, das noch etwas?
Schneider: Mir schon. Und ich glaube auch dir, Balle. Es ist einfach wichtig für den gesamten Fußball.
Ballack: Selbst wenn der Mauerfall nun schon fast 18 Jahre her ist, ist das noch etwas Besonderes, dass Rostock und Cottbus in der Bundesliga spielen. Auf Grund der wirtschaftlichen Strukturen war ihr Weg nach oben einfach schwieriger. Im Osten des Landes gehen die Leute mit viel Herzblut ins Stadion. Für die ist es doch ein Wahnsinn, wenn die Bayern bei ihnen spielen.
WELT ONLINE: Wer wird von Ihnen eigentlich länger in der Nationalelf spielen?
Schneider: Der Michael.
Ballack: (lacht) Er sagt das nur, weil ich jünger bin.
Schneider: Südafrika 2010 wird auch für dich eng. Da bist du 33.
Ballack: So alt wie du jetzt. Also, wo ist das Problem?
WELT ONLINE: Herr Schneider, glauben Sie, dass Sie in Ihrer Karriere noch einmal einen Titel gewinnen – mit Leverkusen haben Sie unzählige verpasst?
Schneider: Ja. Ich werde alles versuchen.
WELT ONLINE: Wie sehen Sie die Entwicklung des deutschen Fußballs und die der Nationalmannschaft?
Schneider: Es läuft alles sehr gut. Die Liga boomt, die Stadien sind voll, und bei der Nationalelf läuft es auch optimal. Und was die betrifft, so gab es für mich noch nie ein Länderspiel, auf das ich keine Lust hatte. Es macht Spaß, hier zu sein.
WELT ONLINE: Und wie spricht man im Ausland über die Deutschen?
Ballack: Sehr gut, gerade im Hinblick auf die Nationalmannschaft. Der Respekt und das Ansehen sind stark gestiegen. Man nimmt uns wieder wahr.
WELT ONLINE: Franz Beckenbauer hat sich kürzlich für einen Verbleib von Bundestrainer Joachim Löw über die EM 2008 hinaus ausgesprochen. Er sagte, es gäbe keinen Besseren.
Schneider: Joachim Löw hat den Weg von Jürgen Klinsmann konsequent fortgesetzt. Er war ja schon vorher mehr als ein Co-Trainer. Beide waren ein Gewinn für den deutschen Fußball, weil die Nationalelf wieder attraktiven Fußball spielt und Anerkennung genießt.
Ballack: Mich wundert es nicht, dass Franz Beckenbauer und viele andere so etwas zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen. Ich kann das nur befürworten. Joachim Löw hat ein Konzept und vermittelt selbst in jeder Trainingseinheit, wie er sich etwas vorstellt. Das bringt uns als Mannschaft voran. Er ist wirklich ein perfekter Trainer. Das kann ich sagen, weil ich schon einige in meiner Karriere hatte.