SZ online: Bellarabi - Schneller als die Sensen

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    24. März 2015, 18:39 Uhr
    Karim Bellarabi - Schneller als die Sense


    Der Draufgänger-Fußballer Karim Bellarabi ist zum Musterprofi
    gereift - auch im Nationalteam hat sich der Flügelstürmer aus Leverkusen
    festgespielt. Von philipp selldorf, Frankfurt


    Er hatte gerade mit Leverkusen beim großen Konkurrenten Schalke gewonnen und dabei das goldene Tor erzielt. Aber Karim Bellarabi war trotzdem nicht glücklich, als das Spiel vorbei und das 1:0
    besiegelt war. Er machte sich bittere Vorwürfe. Hatte er vergessen, den Hund zu füttern, der Oma zum Geburtstag zu gratulieren? Hatte er einem Kind das Autogramm verweigert? Es war schlimmer: Erst hatte Bellarabi
    vergessen, das 2:0 zu schießen, und dann hatte er auch das Tor nicht geschossen, das - wenn er zum 2:0 getroffen hätte - das 3:0 gewesen wäre. "Deshalb konnte ich mich direkt nach dem Abpfiff nicht so richtig freuen", sagt Bellarabi, "diese Chancen hätte ich nutzen müssen." Denn wenn Schalke, so dachte er sich, noch das 1:1 gemacht hätte, dann wäre er es gewesen, der sich dafür vor der Leverkusener Gemeinde hätte verantworten müssen.


    Eine Menge Konjunktive waren das also, die sich im Kopf von Karim Bellarabi, 24, aneinanderreihten. Noch eine knappe Stunde nach dem Spiel beherrschte ihn der Schrecken, der nicht eingetreten war. Wie ein Mann, der seine
    Schuld zu gestehen hat, sagte er den Reportern: "Persönlich kann ich nicht so zufrieden sein." Dabei handelte es sich um eine Vision des Schreckens, die ansonsten niemanden interessierte. Oder hatte ihn jemand auf die vergebenen Chancen angesprochen? "Nein", so Bellarabi, "nur ich selbst."


    Wohl dem Fußballer, der solche kritischen Selbstgespräche führen kann. Er muss ein Mann in einer glücklichen Lage sein, und das lässt sich tatsächlich behaupten über Bellarabi, das würde er selbst nicht leugnen. In der laufenden Saison ist der Leverkusener Flügelstürmer ein unvermeidliches Mitglied der imaginären Allstar-Elf, einer der interessantesten Aufsteiger des Jahres - was auch der Bundestrainer bald erkannt hat. Joachim Löw lud Bellarabi schon im frühen Herbst zum Nationalteam ein und wurde nicht enttäuscht von dem Debütanten, der gar nicht wie ein Anfänger auftrat. Auch jetzt, nachdem die DFB-Auswahl aus ihrem Winterschlaf erwacht ist, gehört Bellarabi wieder zu den Auserwählten. Und wenn er das auch bescheiden zurückweist ("Etabliert sind hier andere, ich definitiv nicht") - so muss man das im Grunde als Selbstverständlichkeit betrachten. Löw lädt Bellarabi zum Nationalteam ein - natürlich, was sonst?


    Damit war im vorigen Sommer nicht unbedingt zu rechnen. Bellarabi war aus seinem Aushilfs- und Ausbildungsdienst bei Eintracht Braunschweig nach Leverkusen zurückgekehrt und wusste selbst nicht so genau, wie es weitergehen sollte. Er wusste nur, dass es seine letzte Chance bei Bayer sein würde, wo er 2011 als 20-jähriger Drittligaspieler unterschrieben hatte. Eine halbe Million Euro hatte der Konzernklub für ihn bezahlt. Bislang war es für beide Seiten nicht wunschgemäß gelaufen. Dennoch hatte ihm keiner bei Bayer gesagt, dass die Saison 2014/15 seine letzte Chance wäre: "Niemand hat Druck gemacht. Aber ich habe es selbst so gesehen: Packst du es jetzt in Leverkusen, oder geht der Schritt nach hinten?", erzählt Bellarabi. Dann betrat Roger Schmidt die Bühne und erwies sich als der richtige Draufgängertrainer für einen Draufgängerspieler wie ihn: "Es war mein Glück, dass er nach
    Leverkusen kam."


    Andererseits ist es denkbar, dass auch ein weniger inspirierter Coach als Schmidt das Vermögen in Bellarabi geweckt hätte. Sein zweiter Anlauf bei Bayer nach der Ausleihe an Braunschweig, wo er einst als Internatsschüler in den Profifußball eingestiegen war, fand unter besseren Bedingungen statt. Bellarabi war jetzt, wie er selbst meint, "ein wenig reifer und ein wenig cleverer". Er war jetzt bereit, das langweilige Leben eines Musterprofis zu führen. Also: "Viel schlafen, gut regenerieren, gut ernähren, viel Wasser trinken." Manchmal, sagt Bellarabi, "lege ich mich ins Bett, obwohl ich noch gar nicht müde bin". Ein paar Geschichten aus Braunschweiger Zeiten trugen ihm den Ruf ein,
    nicht immer eben dieser Musterprofi gewesen zu sein, aber bei näherem Hinsehen fanden die Leverkusener Verantwortlichen heraus, dass die Geschichten wohl eher Geschichtchen waren, "Karim ist ein ganz lieber Junge", hat der Sportdirektor Rudi Völler festgestellt.


    Die flinken Beine? Die habe er "vom lieben Gott bekommen"


    Vor allem ist Karim ein schneller Junge, der das Glück hat, Tempo mit Technik vereinen zu können. Seine schnellen Beine, so sagt er, "habe ich vom lieben Gott bekommen", die Grundzüge der Technik hat er auf einem eingezäunten Ascheplatz in Bremen-Huchting erlernt, wo er als Siebenjähriger zum ersten Mal Einzug hielt - und danach jede freie Minute verbrachte. Die passende Schule für ein gefährliches Leben, denn Fußballer wie er sind prädestiniert für böse Tritte von Verteidigern, denen der liebe Gott weniger schnelle Beine gegeben hat. "Ein paar Narben an den Füßen habe ich schon, aber noch ist es nicht so schlimm", sagt Bellarabi. Zwei Eigenheiten schützen ihn: Zum Einen ist er oft sogar noch schneller als die Sensen, die nach ihm langen, und provozieren lässt er sich auch nicht. Er ist kein Spieler, dessen Temperament der eigene Trainer fürchten muss.


    In Leverkusen hat er kürzlich seinen Vertrag bis in die Ewigkeit - das heißt, bis ins Jahr 2020 - verlängert, sogar ohne Ausstiegsklausel, wie Völler versichert. Bellarabi, im vorigen Sommer noch ein Profi an der Grenze zur zweiten
    Liga, ist jetzt ein gehobener Bundesliga-Star, das muss er jetzt selbst erleben. Neulich wurde er sogar gefragt, wie schwer sein Leben mit der "Torflaute" war, nachdem er mal zwei, drei Spiele nicht getroffen hatte. So hohe Ansprüche stellt nicht mal Karim Bellarabi an Karim Bellarabi.

    Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorbei, in der man kann.