Hannover (dpa) - Nicht jede Bestleistung macht automatisch glücklich. Verärgert schimpfte Jupp Heynckes in der Kabine und am Spielfeldrand, und eher missmutig kommentierten die Spieler später den besten Saisonstart der Vereinsgeschichte von Bayer Leverkusen.
«Mich interessiert der Rekord nicht», sagte Torwart Rene Adler, der Matchwinner, und fand die Vorstellung «einfach schlecht». Mit prächtigen Paraden sorgte Adler immerhin dafür, dass der Spitzenreiter der Fußball-Bundesliga in einem der schwächsten Saisonspiele ein 0:0 beim Mittelklasse-Team von Hannover 96 rettete und seit nunmehr 15 Spielen ungeschlagen ist.
Wenn der Torwart der überragende Mann des Tabellenführers ist, darf das gemeinhin als schlechtes Zeichen gewertet werden. So war es auch bei Bayers Nullnummer in Hannover. Adler musste mehrfach seine Klasse zeigen, weil seine Vorderleute erschreckend harmlos agierten, dem Gegner zu viel Raum ließen und nur selten Druck nach vorne aufbauten. «So können wir einfach nicht spielen», klagte Bayer- Stürmer Stefan Kießling.
Der zunächst erzürnte Heynckes fand nach dem Spiel jedoch schnell wieder zu jener Souveränität, die seine Mannschaft auf dem Feld vermissen ließ. Der ehemalige 96-Profi scherzte mit alten Bekannten und witzelte bei der Frage nach dem Unterschied zwischen den vor einer Woche in Hannover 3:0 siegreichen Bayern und Bayer: «Ein N!»
Der Coach demonstrierte Gelassenheit und gab zu: «Ich habe einige unruhige Minuten verbracht auf der Bank. Hannover war sogar einen Tick besser.» Dennoch sind seine Leverkusener in dieser Saison noch erfolgreicher als 2001, als sie in den ersten 14 Partien ohne Niederlage blieben, und Heynckes ist damit der erste Trainer der Bundesliga-Geschichte, der mit seinem neuen Team so lange ungeschlagen blieb. «Rekorde sind für die Geschichtsbücher da», sagte Heynckes. «Das ist mir persönlich nicht so wichtig.»
Der erfahrene Coach weiß, dass auch Spitzenclubs im Laufe der Saison Durchhänger haben. Der Übungsleiter, der mit den Bayern bereits Meister-Erfahrung gesammelt hat, verkündete keck: «Wir haben noch einige Nationalspieler. Wenn die wiederkommen, ich will ja nicht drohen, dann wird es noch besser.» Leverkusens Sportchef Rudi Völler sah in dem Punktgewinn trotz schwacher Leistung sogar einen Fortschritt. «So ein Spiel hätten wir letzte Saison noch verloren.» Und er mahnte zur Geduld: «Mann kann nicht immer erwarten, dass wir schnell 2:0 oder 3:0 führen und hoch gewinnen.»
Die Bayer-Verantwortlichen lobten zudem die engagierten Gastgeber, und auch Heynckes' Kollege Andreas Bergmann war zufrieden. «Das hat uns gut getan nach den letzten schweren Wochen», sagte der 96-Trainer zum ersten Punktgewinn seit dem Selbstmord von Robert Enke. «Uns fehlte ein bisschen Fortune und die Durchschlagskraft», meinte der Coach mit Blick auf die vergebenen Chancen: «Aber es war trotzdem eine tolle Leistung.»