"Vize" – fast schon aus Prinzip

  • VON RALPH ELSEN - zuletzt aktualisiert: 02.06.2009

    (RP) Nach der Rückkehr aus Berlin zerstreuen sich die deprimierten Leverkusener in alle Winde. Das Motto: Nur schnell vergessen und abhaken. Stefan Kießling empfindet das Scheitern an der internationalen Hürde als "ein Schlag ins Gesicht". Kapitän Rolfes hat "keine Ahnung, wie es weiter geht".

    Nach der Rückkehr am Mittag in der Heimat ging alles ziemlich schnell. In der Haberland-Halle, deren Abriss morgen beginnen soll, gab es eine kurze Abschlussbesprechung. Danach bekamen Bayers Fußball-Profis die Trainingspläne für die freien Wochen in die Hand gedrückt und zerstreuten sich in alle Winde. Nichts wie weg hier – abhaken, Urlaub machen und in Ruhe abschalten. Ob sie nach der Sommerpause erneut ihrem bisherigen Vorgesetzten bei der Arbeit begegnen werden, kümmerte die Leverkusener in der Stunde der finalen Enttäuschung eher wenig. "Keine Ahnung, wie es da weiter geht", sagte Kapitän Simon Rolfes. "Schwer zu sagen, wenn man eine Rückrunde so katastrophal gespielt hat", meinte Stefan Kießling. "Das alles ist nicht meine Baustelle", erklärte Patrick Helmes mit gewohnter Gleichgültigkeit.

    Merkwürdige Einschätzung

    In der Nacht nach der letzten schweren Niederlage in dieser Saison hatten Bruno Labbadia und Rudi Völler bei der Abschlussfeier sehr lange die Köpfe zusammengesteckt, abgeschirmt auf der Empore sitzend und heftig diskutierend. Ob dabei auch Labbadias allgemein kaum nachvollziehbare Einschätzung, im Endspiel bis fünf Minuten vor dem Ende auf einen Wechsel verzichten zu können, ein Thema war, ist nicht überliefert. "Die Mannschaft hat gut funktioniert, da habe ich keinen Anlass zum Austauschen gesehen", erklärte der Trainer. Diese Meinung schien absolut exklusiv, weil eine Handvoll seiner Spieler reif für einen frühzeitigen Abpfiff gewesen wäre.

    Bayer hat in Berlin gegen die Bremer mal wieder seinen Ruf als prinzipieller Vize zementiert – sieben zweite Plätze in den vergangenen zwölf Jahren stehen da zu Buche. Und ganz aktuell natürlich die Erkenntnis, dass die Leverkusener den Anschluss an die nationale Spitze verloren haben. Zwei Mal in Folge die Teilnahme am internationalen Wettbewerb verpasst, das gab es seit 1997 nicht mehr und "ist ein Schlag ins Gesicht", wie Stefan Kießling es treffend ausdrückte. Und im Verein wächst natürlich die Furcht, dass ohne europäische Festtage das ab Sommer für sündhaft teure 70 Millionen Euro auf 30000 Zuschauer ausgebaute Stadion gar nicht mehr zu füllen ist angesichts der in Leverkusen höchst überschaubaren Fanstruktur.

    Mittelmaß lässt sich eben nicht verkaufen, wenn stets der Anspruch auf einen Spitzenplatz proklamiert wird. Karim Haggui, der gestern seinen Wechsel zu Hannover 96 bekannt gab, erklärte bei seiner Vorstellung in Niedersachsen auf die Frage, ob denn die Veränderung für ihn nicht einen starken sportlichen Rückschlag darstelle: "Bayer ist Neunter geworden und Hannover Elfter. Da sehe ich nicht viel Unterschied." Bruno Labbadia hat seit seinem Amtsantritt stets Nachhaltigkeit in der Arbeit propagiert. Die liegt im Moment in Leverkusen ganz allein im Misserfolg.

    RP ONLINE

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