„Das war das Wunder von der Baustelle“

  • Am Sonntag jährt sich zum 20. Mal der Tag, an dem Bayer Leverkusen den Uefa-Pokal gewann. Reiner Calmund, damaliges Vorstandsmitglied des Clubs, erinnert sich im Gespräch mit Joachim Schmidt an damals

    ERSTELLT 14.05.08, 21:14h

    Gleich bei der zweiten Europapokalteilnahme hat sich Bayer damals gekrönt. Geplant war das aber wohl kaum.

    Nein. Wir hatten uns allerdings mit Trainer Erich Ribbeck vorgenommen, weit zu kommen, denn die europäischen Auftritte waren schöne Erlebnisse. Wenn ich nur daran denke, wie stolz wir waren, zum ersten Uefa-Pokal-Spiel nach Kalmar in Schweden mit einem Charterflugzeug zu fliegen . . . Aber der Titelgewinn, das war eher ein positiver Betriebsunfall.

    Wobei die Gegner alles andere als Fallobst waren.

    In der Tat. Da war zuerst Austria Wien, die wir nach einem 0:0 mit 5:1 aus unserem Haberland-Stadion gefegt haben. Dann kam der FC Toulouse; auswärts 1:1, dann ein 1:0- Sieg. Kurz vor Weihnachten haben wir uns gegen Feyenoord beschenkt, als wir nach dem 2:2 in Rotterdam erneut mit 1:0 gewannen. Und danach kam der Hammer . . .

    . . . der FC Barcelona mit dem „Blonden Engel“ Bernd Schuster und all den Stars.

    Das war ein ganz neues Gefühl. Beim Trainingslager im Januar auf Gran Canaria waren dauernd schon spanische Reporter da, die alles über uns wissen wollten. Wir haben damals vieles umstrukturiert im Club, unter anderem mit Jürgen Gelsdorf einen Jugend-Cheftrainer und mit Willi Gierlich den ersten Pressesprecher eingesetzt.

    Aber der große FC Barcelona konnte damals nicht in Leverkusen spielen.

    Unser Stadion war eine einzige riesige Baustelle, weil die erste der neuen Tribünen hochgezogen wurde. Da sind wir dann ins Müngersdorfer Stadion umgezogen. Vor 41 000 Zuschauern gabs ein 0:0, und im Rückspiel haben wir im Camp Nou durch das Tor von Tita 1:0 gewonnen.

    Und Bayer stand im Halbfinale, gegen Werder Bremen!

    Das war ein Hammer. Die wurden damals Meister, unser Alois Reinhardt schoss das einzige Tor in den beiden Halbfinalspielen und wir erreichten die Endspiele gegen Espanyol Barcelona.

    Das Hinspiel endete 0:3 . . .

    Darüber müssen wir nicht weiter sprechen. Aber was dann im Rückspiel bei uns abging, war doch der helle Wahnsinn, das war das Wunder von der Baustelle! Von der Faszination und der Dramaturgie war das nicht zu toppen. Null zu Null zur Halbzeit, dann schoss Tita das 1:0, Falko Götz erhöhte auf 2:0 und Bum-kun Cha machte kurz vor Schluss das 3:0. Kein Tor in der Nachspielzeit, und im Elfmeterschießen lagen wir 0:2 hinten, bevor Rüdiger Vollborn, dieser Teufelskerl, die Spanier so verwirrte, dass die drei Mal verschossen und wir 3:2 gewannen.

    Hat das zur Etablierung des Werksclubs beigetragen?

    Es hat uns zunächst einmal viele Sympathien eingebracht und durch die weltweite Fernsehübertragung den Bekanntheitsgrad enorm erhöht. Das wiederum war gut für unser Innenverhältnis gegenüber der Bayer AG. Dort sah man, was möglich war. Und es war von da an leichter, bekannte Spieler zu verpflichten.

    Da hatte Bayer ja damals mit dem Brasilianer Tita, mit dem Millionen-Einkauf Herbert Waas, mit Cha oder Wolfgang Rolff schon namhafte.

    Das schon, aber wir hatten auch aus der eigenen Jugend Spieler wie die Berliner Rüdiger Vollborn und Marcus Feinbier, Erich Seckler aus Monheim, Jean-Pierre de Keyser aus Troisdorf, Peter Zanter aus Wermelskirchen oder Knut Reinhardt aus Opladen dabei. Da ist doch heute undenkbar.

    http://www.rundschau-online.de/jkr/artikel.jsp?id=1209913596763

    [color=red]Ein Löwe stirbt nie - er schläft nur