Gehaltszettel tröstet Gekas
von Andreas Morbach (Leverkusen)
Theofanis Gekas, Torschützenkönig der letzten Saison, ist in Leverkusen nicht glücklich. Jetzt kehrt er zurück an den Ort seiner Triumphe: nach Bochum.
Es ist ein sonniger Vormittag in Leverkusen. Hier kündigt sich der Frühling an - und Theofanis Gekas lächelt vorsichtig. Als er den Trainingsplatz betritt, winkt der Grieche sogar den acht Zuschauern zu, die den Bayer-Profis bei ihren Übungen zusehen. Eineinhalb Stunden später ist die morgendliche Einheit vorbei - und nun soll Gekas nicht mehr lächeln und winken, sondern sprechen. Und zwar in seiner Sprache.
Ein kleiner Service für den 27-Jährigen, dem das Deutsch- und Englischlernen auch eineinhalb Jahre nach seiner Ankunft aus Hellas noch immer schwerfällt. Aber Gekas will nicht reden. Nicht einmal in seiner Muttersprache. Stattdessen hastet er mit misstrauischem Blick fort und raunzt mit gepresster Stimme auf Griechisch: "Dafür gibt es hier den Jánnis, meinen Übersetzer. Der wird dafür bezahlt." Und auf Englisch sagt Gekas noch: "Wir können uns nachher unterhalten, mit dem Übersetzer." Termin: "After the second training."
Theofanis GekasDas zweite Training beginnt nachmittags um drei. Doch Gekas' Dolmetscher Jánnis Schmitz erscheint nicht nach, sondern vor der Übungseinheit. Hat sein Klient da womöglich "after" und "before" verwechselt? "Es läuft im Moment eben nicht ganz so rund für ihn, da will er halt nicht so viel sagen", interpretierte Rudi Völler Gekas' Schweigen. Schließlich hat auch Bayers Sportdirektor mitbekommen, dass nicht nur Stefan Kießling, sondern neuerdings auch der Russe Dmitri Bulykin den Griechen in der Hierarchie verdrängt haben.
"Ein bisschen Pech", sagte Völler, habe Gekas beim Rückrundenstart in Cottbus halt gehabt. "Er war da nicht so gut, und Bulykin hat getroffen. Aber so läuft das eben: Du musst dich der Konkurrenz stellen - und dabei kann es dich eben auch einmal erwischen." Wobei sich der Grieche das Leben selbst noch schwerer macht. Abseits des Platzes, wo der Sohn eines thessalischen Eisenwarenhändlers schon einmal die eine oder andere Deutschstunde geschwänzt hat. Und auf dem Platz: Es sei, klagt ein Bayer-Profi, der nicht genannt werden will, einfach schwer, mit jemandem zu kommunizieren, der kaum Deutsch spricht.
Ganz so katastrophal ist die Lage aber gar nicht. Glaubt zumindest Völler, der wie Trainer Michael Skibbe sicher ist: "Gekas versteht viel mehr, als er reden kann." Dabei hält Bayers Sportchef Sprachlosigkeit auf dem Feld generell für überbewertet. "Viel wichtiger ist das persönliche Wohlbefinden außerhalb des Platzes", erinnert sich der frühere Stürmer an den eigenen schwierigen Einstieg beim AS Rom Ende der 80er-Jahre. Völler nennt ein Beispiel: "Es gibt doch nichts Schlimmeres, als wenn du mit anderen an einem Tisch sitzt, einer einen Witz erzählt - und du kannst nicht mitlachen." Weil du zu oft den Unterricht geschwänzt hast.
Nur sehr widerwillig Deutsch lernte Gekas schon während seines rasanten Aufstiegs in Bochum. Ein Dreivierteljahr spielte er beim VfL, wurde mit 20 Bundesligatreffern Torschützenkönig - und letzten Sommer prompt für 3,25 Mio. Euro zu Bayer transferiert. Das sind nur knapp 70 Kilometer in südlicher Richtung - doch für Gekas liegen zwischen Ruhrgebiet und Rheinland sportliche Welten: In Bochum war das Offensivspiel auf ihn fokussiert, dazu schepperten in der rustikalen VfL-Arena nach jedem seiner Treffer Sirtakiklänge aus den Boxen. Und mit jeder Einspielung wurde das Sprachproblem auf dem Rasen kleiner.
Mit seinem neuen Klub gastiert Gekas am Sonntag nun bei dem Verein, bei dem er sich vergangene Saison in Windeseile einen Namen gemacht hat - aller Voraussicht nach allerdings wieder nur als Ersatzspieler. Denn so schnell es mit dem griechischen Nationalstürmer in Germania bergauf ging, so zügig geht es nun in die andere Richtung. Trotz der acht Saisontreffer, die Gekas nach wie vor zu Bayers erfolgreichstem Schützen in dieser Saison machen.
Aber in Leverkusen ist er jetzt einer unter vielen - und die Ansprüche an ihn sind gestiegen. Auch in puncto Kommunikation. "Das war schon bei uns nicht so einfach mit ihm, aber die Mannschaft hat das gut hingekriegt", erzählte Stefan Kuntz. Bochums Sportchef lobt gern die ungewöhnlichen Integrationsfähigkeiten der VfL-Kicker - und sagte also: "Irgendwann hatte man den Eindruck, dass alle unsere Spieler Griechisch sprechen - oder Gekas perfekt Deutsch."
Über dessen damaligen Betreuer Christos Orkas bekommt Kuntz nun in so manchem Telefonat Einblicke in die aktuelle Gemütslage des scheuen Angreifers. "Er beschwert sich nicht, sondern will seine Situation sukzessive verbessern", weiß Kuntz. Aber womöglich wünscht sich Gekas ja längst, er wäre nie aus Bochum weggegangen. "Das mag sein", sagte Bochums Sportchef. "Aber das ändert sich sofort, wenn er auf seinen Gehaltszettel schaut. Denn in Leverkusen kann er nun einmal so unsäglich mehr verdienen als bei uns." Und das hilft Gekas vermutlich über den schlimmsten Kummer hinweg.