Zwei Teams zelebrieren Fußball, verlieren aber den Anschluss.

  • Sogar Stevens hat es genossen

    1. Bundesliga, 10.02.2008, Andreas Berten

    Leverkusen. Es soll ja noch die Tage geben, an denen ein Fußball-Trainer mit langjähriger Berufserfahrung in der Bundesliga seinen Sportdirektor überraschen kann.

    Dietmar Beiersdorfer beispielsweise. Auch gut eine Stunde nach einem berauschenden Spiel, in dem sich Bayer Leverkusen und der Hamburger SV 1:1 (0:1) remis getrennt hatten, blieben einige Fragen offen, für die der Sportdirektor des HSV eine Antwort haben wollte. So auch diese: Hat Huub Stevens, der Hamburger Trainer, einen Sinneswandel vollzogen, weil der trotz vieler Chancen gegen seine Mannschaft "ein super Spiel" gesehen habe? "Der Trainer war begeistert?", fragte Beiersdorfer entgeistert zurück. An diesem Samstagnachmittag in Leverkusen schien wirklich nichts unmöglich.

    Ja, das waren die Worte, die Huub Stevens kurz zuvor gewählt hatte. Einige Meter weiter, in dem großen, weißen Zelt, das wegen der Umbaumaßnahmen an der Westtribüne des Leverkusener Stadions als provisorischer Ort für die Pressekonferenzen herhalten muss, hielt der für seine nüchternen Analysen bekannte Hamburger Coach diesmal nicht mit euphorischen Stellungnahmen hinter dem Berg: "Die Fans haben ein gutes, ein schönes Spiel gesehen. Sie haben es genossen", überraschte der Niederländer, der in wenigen Monaten Deutschland verlässt und in der neuen Saison den PSV Eindhoven betreut.

    Diese Worte verwundern umso mehr, als dass sie eine eindeutige Abkehr vom ersten Stevens'schen Prinzip darstellen: "Die Null muss stehen", Defensive geht vor Offensive, lieber eine Nullnummer als ein 4:4. Am Samstag wäre solch ein Ergebnis für die Hintermannschaften beider Klubs noch schmeichelhaft gewesen. Unter den 20 Schüssen, die Leverkusener und Hamburger laut Statistik jeweils aufs gegnerische Tor abgefeuert haben, waren ein Dutzend Großchancen.

    Diesmal muss Stevens nicht granteln

    Für gewöhnlich ein Umstand, der den sonst so knochigen und grantelnden Fußballlehrer Huub Stevens verzweifeln lässt. Vielleicht wäre der 54-Jährige auch wesentlich gestresster zur Pressekonferenz erschienen, hätten aus der Vielzahl an Chancen in diesem wunderbaren Spiel nicht nur Rafael van der Vaart (28.) und Manuel Friedrich (60.) Kapital geschlagen, sprich den Ball im Tor versenkt. Vier oder mehr Gegentore? Das widerstrebt Stevens sehr. Der einzige, der die 22 500 Zuschauer im Stadion verärgerte, war Schiedsrichter Dr. Stefan Brych: Er pfiff die Begegnung noch deutlich vor Ablauf der angezeigten Nachspielminute ab. Wie gemein, die Fans hätten sich noch eine dritte Halbzeit gewünscht.

    Dynamik und Tempo, Hingabe und Mut

    Hernach nutzten beide Trainer, Huub Stevens und Michael Skibbe, die Gelegenheit, um ihre Mannschaften aus dem Schatten hervorzuheben, den München, Bremen, Schalke und Dortmund mit ihren brisanten Duellen am fußballerischen Super-Sonntags auf die Konkurrenz geworfen haben. Aus ihren Beobachtungen während der 90 Minuten ließen sich Qualitätsmerkmale wie technische Versiertheit, Dynamik und Tempo., Hingabe und Mut herausfiltrieren, die das hohe Niveau gelungen umschrieben.

    Es war ein bedingungsloser Offensivfußball mit tollen Dribblings und traumhaft sicheren Kombinationen auf Bayer-Seite sowie hochgefährlichen Kontern aus dem hanseatischen Lager, die zwei weitere Gewinner ans Tageslicht brachten: Angesichts etlicher Paraden und Reflexen von Rene Adler und Frank Rost führten nicht wenige auf den Leverkusener Rängen die Torhüterdiskussion fort, die seit vergangenem Mittwoch Deutschland wieder beschäftigt.

    Dass sich Rost so häufig auszeichnen konnte, war ihm gar nicht so lieb, wie man es annehmen dürfte: "Es ist wie bei der Mutter und ihrem Kind. Sie kann hundert Mal sagen, fass die heiße Herdplatte nicht an und es nutzt doch nichts", fand Rost schöne Worte dafür, wie er vergeblich seine Verteidigung zur Ordnung rufen wollte.

    Was im Rausch dieses Fußballfestes unterging: Die Punkteteilungen bringt weder Leverkusen noch Hamburg nach vorn, was ihr avisiertes Eingreifen in den Meisterschaftskampf angeht. Bayer wartet weiterhin auf einen Sieg gegen eines Top-Teams, während sich der HSV zum vierten Mal in den letzten fünf Begegnungen mit einem Zähler begnügen musste - der Abstand zur Spitze blieb für beide Klubs durch das Remis in München aber gleich.

    Sergej Barbarez sah beim Gastgeber immerhin schon "70 Minuten Gier", aber Tranquillo Barnetta erkannte auch, dass es in solchen Duellen "noch nicht zu drei Punkten reicht". Und so Huub Stevens machte am Ende des Tages unter den vielen Gewinnern doch noch zwei Verlierer aus: "Andere profitieren davon, dass Leverkusen und wir nur 1:1 gespielt haben."

    Dieser Satz dürfte Dietmar Beiersdorfer nun wieder wenig überrascht haben . . . (NRZ)

    derwesten.de

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