Rheinische Post: Bayer konzentriert sich ganz auf Fußball

  • aus der Printausgabe der Rheinischen Post, die die Geschichte heute exklusiv hatte, mehrere Artikel:



    Titelseite:


    Bayer streicht Gelder
    für den Sport zusammen


    VON UDO BONNEKOH
    LEVERKUSEN Einer der größten deutschen Sponsoren zieht sich aus weiten Teilen der Sportförderung zurück. Die Bayer AG wird mit Beginn der Saison 2008/2009 ihr Engagement bei den Bundesligisten im Basketball, im Handball und im Volleyball deutlich reduzieren. Nach Informationen unserer Zeitung sind mit zehn Millionen Euro jährlich geförderte Vereine in Leverkusen, Dormagen und Wuppertal betroffen. Den Mitgliedern des TSV Bayer 04 Leverkusen werden die Pläne voraussichtlich in der Mitgliederversammlung morgen unterbreitet.
    Die jährlich mit geschätzten 25 Millionen Euro Werbe-Imagegeldern gestützten Fußballprofis von Bayer Leverkusen sind von den Kürzungen nicht betroffen. Im Gegenteil. Der Ende des Jahres beginnende Ausbau der BayArena auf mehr als 30\x0e000 Sitzplätze soll gute Voraussetzungen bieten, „um auch zukünftig einen hohen Werbewert zu erzielen”, wie Bayer-Vorstandschef Werner Wenning bei der Vorstellung des 56 Millionen Euro teuren Projekts sagte. Der Umbau soll zu Beginn der Bundesliga-Saison 2009/2010 abgeschlossen sein.
    Die Bayer AG bricht unter Wennings Leitung mit einer seit 103 Jahren bestehenden Tradition der breit angelegten Förderung. Sportler mit dem Bayer-Kreuz gewannen 60 olympische Medaillen, fast zweihundert Weltmeisterschaftsmedaillen und sicherten sich über hundert Europameisterschaften sowie zahlreiche deutsche Meistertitel. Zum derzeitigen „Top-Team des Bayer-Sports” gehören 30 Athleten, die sich auf die Olympischen Spiele und die Paralympics im kommenden Jahr in Peking vorbereiten. Von den Kürzungen sollen der Breitensport und der Behindertensport nicht berührt werden.
    Das Unternehmen unterstützt derzeit 27 Sportvereine mit mehr als 50\x0e000 Mitgliedern an seinen rheinischen Standorten. Nach Angaben der Bayer AG sagen 81 Prozent der Deutschen, dass das Sportengagement sympathischer mache und sehr glaubwürdig zum Unternehmen passe.


    Leitartikel Seite 2:


    Die Bayer-Profis
    VON ROBERT PETERS
    Weit über 100 Jahre hat Bayer Leverkusen den Sport als Teil der Unternehmenskultur begriffen. Breitensportler wurden ebenso gefördert wie die Spitzenmannschaften im Basketball, Volleyball und Handball. Auf sein Engagement für die Leichtathletik war der Konzern zu Recht besonders stolz. Es trug ihm Anerkennung ein.
    Und es half den kleinen Sportarten, öffentlich wahrgenommen zu werden. Viele Entwicklungshelfer haben die nicht mehr. Künftig auch bei Bayer nicht. Denn der Konzern handelt ab dem nächsten Jahr, wie es andere Sponsoren vorgemacht haben: Bayer setzt fast alles auf die Karte Fußball. In diesem Bereich wird mit hohem Geldeinsatz die Rückkehr an die deutsche Spitze gesucht. Der Sport von Bayer Leverkusen wird zur Fußballfirma.
    Das ist gleichbedeutend mit einem Verlust an sportlicher Breite im buchstäblichen Sinn. Die Sportlandschaft wird ärmer, wenn nur noch auf den Geschmack der Masse und das Image in der Werbung geschielt wird, so nachvollziehbar das für kühle Rechner aus der Industrie sein mag. Das Unternehmen stiehlt sich aus der eigenen Tradition. Und es ist sicher kein Trost, dass Bayer damit zeitgemäß handelt.


    Bericht im Hauptsport:


    Bayer konzentriert sich ganz auf Fußball
    VON UDO BONNEKOH
    LEVERKUSEN Was war das für ein emotionaler Schlag, den Leverkusens Handball-Frauen am Samstag in Nürnberg nach dem verlorenen Finale um die Deutsche Meisterschaft vergeblich zu verkraften versuchten. „Von einer riesigen Enttäuschung” sprachen Trainerin Renate Wolf und ihre Spielerinnen, die sich immer noch deutscher Rekordmeister (zwölf Titel) nennen dürfen wie die Basketballer (14) des Vereins auch.
    Und die Korbjäger bestritten gestern nach der „normalen” Bundesliga-Runde ihre erste Partie in den mühsam erreichten Play-offs in Ludwigsburg. Aber was sind punktuelle Niederlagen schon gegen das, was den Sportlern mehrerer Disziplinen nun an gefühlter Grausamkeit zugemutet wird!
    Förderstopp ab 2008/09
    Die Handballerinnen jedenfalls, die Basketballer und auch die Volleyballer werden ihr Streben nach Titeln bald einstellen müssen. Mit dem Spitzensport ist es ab der Saison 2008/2009 vorbei unterm Bayer-Kreuz eine erdrutschartige Entwicklung bei einem der größten deutschen Sponsoren, der mit seinem finanziellen und ideellen Einsatz wesentlich daran beteiligt war, die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu holen.
    Die Konzernführung mit Werner Wenning an oberster Stelle, seit der Neugliederung des Unternehmens aufs Sparen bedacht, geht mit der Sense an die Sportförderung für die Elite. Eine herausragende Stellung behält allein die Sparte Profi-Fußball, die mit so genannten Image-Werbegeldern von geschätzten 25 Millionen Euro pro Jahr bedacht wird.
    Konkret betroffen vom rigiden Kurs sind die Abteilungen Frauen-Handball, Damen-Volleyball, Basketball in Leverkusen bedingt auch die Leichtathletik , die Handballer in Dormagen, die gerade den direkten Bundesliga-Aufstieg verpasst haben, und die Volleyballer in Wuppertal. Nach Informationen unserer Zeitung hat sich die Bayer AG die Unterstützung in den verschiedenen Bayer-Klubs in den genannten Städten etwa zehn Millionen Euro pro anno Euro kosten lassen. Dazu kamen Gelder für den Breitensport inklusive des Behindertensports, dessen Förderung nicht in Frage stehen soll.
    Der TSV Bayer 04 Leverkusen, der rund 11 000 Mitglieder zählt, wies im vergangenen Jahr ein Defizit von 1,4 Millionen Euro auf Tendenz steigend, da sich nicht alle Abteilungen dem Sparzwang unterworfen haben. Deren Bemühungen um externe Sponsoren liefen auf kleinere Lösung hinaus, um nicht in Kollision mit Bayer-Interessen zu geraten. Unklar ist auch die Situation um die Sportstätten. Die Leverkusener Wilhelm-Dopatka-Halle, im städtischen Besitz, ist dringend sanierungsbedürftig. Seine Haltung zur Sportförderung hatte der Betriebsausschuss der Stadt Leverkusen zuletzt dadurch deutlich gemacht, dass er das Aus für die Eissporthalle beschloss. Handballerinnen und Volleyballerinnen spielen mit Ausnahmegenehmigungen in Hallen, die höheren Ansprüchen nicht mehr gerecht werden.Vor drei Jahren noch feierte sich Bayer 04 mit dem „Hundertjährigen”, aufwändig begangen im „Erholungshaus”, einer renommierten Begegnungsstätte. Dabei rühmte sich der Klub seiner herausragenden Athleten, unter ihnen Olympiasieger wie Willi Holdorf, Heide Ecker-Rosendahl, Ulrike Meyfarth, Heike Henkel aus der Leichtathletik, Arnd Schmitt (Fechten) oder der ehemalige NBA-Basketballer Detlef Schrempf.
    „Der TSV Bayer 04 steht für den Spitzensport.” Mit diesem Satz wurde Werner Wenning in der 400 Seiten starken Chronik zitiert. Vergangenheit.