Rudi Völler ist als Sportdirektor von Bayer Leverkusen, genau wie früher als Weltklasse-Angreifer, viel in Europa unterwegs. Anlässlich des 50. Jahrestages der Römischen Verträge sprach Kerstin Thesing mit dem 46-Jährigen über die Fußball-Champions-League.
Herr Völler, Sie haben als Profi 1993 mit Olympique Marseille die europäische Königsklasse gewonnen, die damals erstmals unter dem Titel Champions League firmierte . . .
Ja. 1993 gab es noch einen anderen Modus, der hat sich in den letzten zwölf Jahren ja einige Male verändert. Es wurden erst zwei bis drei K.o.- Runden ausgespielt und anschließend gab es zwei Vierergruppen. Die beiden Gruppensieger standen im Endspiel. Wir haben damals den AC Mailand 1:0 geschlagen.
Der Pokal der Landesmeister war damals gerade abgeschafft worden. Werden Sie noch manchmal nostalgisch?
Nein. Früher, in den 70ern, als der FC Bayern diesen Pokal drei Mal in Folge gewonnen hat, hatten die doch bis zum Viertelfinale keinen vernünftigen Gegner. Das ist heute anders. Da musst du schon in den Gruppenspielen der Champions League richtig Gas geben. Und ab dem Achtelfinale ist es dann völlig egal, ob du FC Chelsea oder FC Barcelona heißt, da kann jeder ausscheiden. Das finde ich interessant.
Uefa-Präsident Michel Platini möchte dennoch einen Modus-Wechsel und den großen Nationen wie England, Italien und Spanien schon im Herbst einen Startplatz streitig machen, damit mehr kleine Verbände teilnehmen können . . .
Wenn bei den drei großen Nationen der vierte Startplatz wegfällt, leidet darunter nicht die Qualität der Champions League. Uns Deutsche betrifft die Diskussion sowieso nicht, da wir höchstens drei Startplätze haben.
Immer mal wieder kramt jemand die Idee hervor, eine Europaliga zu installieren und dafür die Top-Clubs aus ihren nationalen Meisterschaften herauszulösen . . .
Dadurch dass wir die Champions League haben, halte ich so einen Wettbewerb für völlig überflüssig. Ich glaube auch nicht, dass die Leute das sehen wollen, weil die Topclubs dann ja in der Bundesliga fehlen würden. Ich finde es gut, dass man damals den Europapokal der Pokalsieger gestrichen hat, der war wirklich unpopulär. Aber mit dem Uefa-Cup und der Champions League läuft es doch völlig richtig.
Bayer Leverkusen ist wie 18 andere europäische Top-Clubs in der G 14 organisiert, die die Interessen der Vereine vertreten soll. Uefa-Präsident Platini erkennt diese Organisation nicht an. Empfinden Sie das als Affront?
Eigentlich nicht. Das war ja schon bei seinem Vorgänger Lennart Johansson so. Die G 14 konnte bislang noch nicht die Ziele umsetzen, die sie sich vorgenommen hatte. Bis jetzt gilt: außer Spesen nichts gewesen.
Hat der Fußball den europäischen Gedanken schon mit mehr Inhalt gefüllt, als dies die Politik bisher vermochte?
Durch das Bosman-Urteil ist zumindest alles viel europäischer geworden. Ich habe als Aktiver den Übergang mitgemacht: Erst waren zwei Ausländer pro Mannschaft erlaubt, dann drei, und mit Bosman sind die Beschränkungen dann weggefallen. Als Sportdirektor von Bayer Leverkusen teile ich allerdings die Meinung von Fifa-Präsident Sepp Blatter, eine Mittellösung, also das so genannte „5+6“ oder „6+5“, zu installieren. Das heißt, in jeder Mannschaft sollten ähnlich viele nationale Profis wie Ausländer spielen. Natürlich wollen die Leute guten Fußball sehen, aber wenn das dazu führt, dass wie beim FC Arsenal ständig elf Ausländer in der Startformation stehen, kann das nicht sein.
http://www.rundschau-online.de/jkr/artikel.jsp?id=1174563699952