Einen Satz hat sich Michael Skibbe noch aufgespart vor seinem Abgang vom Podium im klimatisierten Presseraum von Hannover 96. Und der geht so: „Insgesamt gibt es keinen Ersatz für gute Ergebnisse.“ Die Tür geht auf, der Trainer von Bayer 04 Leverkusen verschwindet im Kabinentrakt.
Der letzte Satz von Hannover ist nicht nur banal und richtig, er verbietet letztlich eben auch den ewigen Hinweis auf die Güte des eigenen Spiels. Denn die Ergebnisse, die Bayer 04 seit ein paar Wochen produziert, sind eben alles andere als gut. Dem 1:3 vom vierten Spieltag in Frankfurt folgte am Samstag ein 1:1 in Hannover. Und erstaunlicherweise war fast alles wie in Frankfurt: Leverkusen geht in Führung, lässt nach, kassiert den Ausgleich, wird wieder besser, fängt sich einen Konter - und verliert diesmal allerdings nicht, weil Hannover die allerletzte Chance dieses schwachen Spiels auslässt. Wie schon in der Vorwoche, so war auch diesmal ein erheblicher Tabellensprung nach vorne möglich, doch auch in dieser Hinsicht bleibt alles wie zuvor: Platz 13 für den gedachten Meisterschaftsgeheimfavoriten, fünf Punkte nach fünf Spielen, Bayers Saison ist bisher unvergnüglicher Stillstand.
Ein Stillstand, den die sportliche Leitung mit ihrer Propaganda vom phasenweise schönen Spiel kaschieren möchte. Das bringt wenig, wenn der Gesamteindruck mit diesem partiellen Geschehen nicht standhält, es bringt selbst dann wenig, wenn man eigenes Nachlassen doch noch einräumt. Skibbe findet also, dass seine Mannschaft in der ersten Halbzeit „gut Fußball gespielt hat“; dass sie „überzeugt“ hat. Sportchef Rudi Völler glaubt sogar, dass Bayer 04 in den ersten 45 Minuten so überlegen war, „dass wir Hannover hätten abschießen müssen“, um mal ein bisschen politisch unkorrekt zu formulieren.
Bayer 04 war zunächst tatsächlich viel besser als Hannover. Aber aus einer Vielzahl von Chancen entstand nur ein Tor, das der ansonsten enttäuschende Sergej Barbarez erzielte (37.). Ohne Chance war dabei Hannovers Torhüter Robert Enke, der sich entschieden hatte, kurz nach dem Tod seiner Tochter Lara aufzulaufen. Nach dem 1:0 jedoch ist alles vorbei, Bayer zieht sich zurück.
Kapitän Carsten Ramelow ist deshalb nachhaltig übel gelaunt, nach dem Schlusspfiff sagt er: „Zu einer Klasse-Mannschaft gehört, dass sie wenig Chancen zulässt und zum Beispiel mal ein 1:0 nach Hause schaukelt. Das ist uns nicht gelungen, also fehlt uns noch etwas zu einer Klasse-Mannschaft.“ Diese erfreulich realistische Sicht der Dinge erweitert Ramelow um noch eine Erkenntnis: „Wir haben schon so viele Fehler in dieser Saison gemacht - gelernt haben wir nichts daraus.“ Der gröbste Fehler ist: Man lässt nach einer Führung einfach nach. Die Tatsache, dass man nach dem 1:1 wieder befreiter und besser aufgespielt hat, „weil wahrscheinlich der Druck weg war, ist natürlich der falsche Weg“, erklärt Ramelow.
Und so vermischt sich bei Bayer 04 im Frühherbst 2006 Ballfertigkeit mit Hundefußball; mit der Folge, dass die schlechten Eigenschaften die guten verwischen. Das immerhin erwähnen Skibbe und Völler schließlich auch noch. Skibbe war „nur mit 60 Minuten zufrieden“; Völler erkannte, dass in der „zweiten Halbzeit nicht mehr viel ging“.
Im Sinne der Erfüllung der selbst gesteckten Ziele ist weiterer Stillstand am Samstagabend jedoch verboten worden. Völler sagte: „Wir können das alles wieder ausgleichen, wenn wir nun unsere beiden nächsten Heimspiele gegen Sion im Uefa-Cup und Schalke gewinnen.“
Nach den Eindrücken von Hannover gilt: Nichts schwerer als das.