"Strafverfolgung mit Hilfe von Medien"

  • Der Fall Calmund


    Ein seltsames Wechselspiel: Der "Spiegel" berichtet exklusiv über den Fußball-Manager Reiner Calmund - verweist auf angebliche Ermittlungen, macht dabei aber die eigene Rolle nicht transparent.
    Von Johannes Nitschmann und Hans Leyendecker

    Der Spiegel-Journalist Jörg Schmitt ist einer der erfahrensten Rechercheure in Deutschland. Er hat Enthüllungsgeschichten über Finanzskandale und über Leo Kirch geschrieben, und er kennt einige der hartnäckigsten Ermittler.

    Am 3. Januar 2006 meldete sich Schmitt bei dem Bielefelder Kriminalbeamten Karl-Heinz Wallmeier, der eine Bestbesetzung für das Stück Allein gegen die Mafia wäre. Der Triathlet ist ein zäher Verfolger.

    Schmitt schilderte ihm seine Recherchen über den Spielervermittler Volker Graul und über Reiner Calmund, den früheren Manager von Fußball-Bundesligist Bayer 04 Leverkusen.

    Verdacht der Spielmanipulation

    Es ging um den Verbleib von 580.000 Euro und den Verdacht einer Manipulation des Spiels Arminia Bielefeld gegen Leverkusen am 4. Mai 2003, in die womöglich der damalige Bielefelder Profi Ansgar Brinkmann verwickelt sein könnte.

    Am 4. Januar trafen sich der Reporter und der Ermittler in einem Bielefelder Café. Wallmeier fasste nach der Rückkehr ins Büro die Hinweise des Journalisten in einem Vermerk zusammen. Danach startete er quasi Vorermittlungen.

    Am 6. März erschien dann im Spiegel eine Geschichte über Calmund und das Geld. Der Bericht sorgte durch Vorabmeldungen für Aufsehen. Das Magazin meldete, dass „die Bielefelder Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei gegen mehrere Personen wegen des Verdachts des Betrugs und der Untreue“ ermittelten.

    Im Visier der Fahnder

    In „diesem Zusammenhang geriet auch Calmund, gegen den bisher indes nicht offiziell ermittelt wird, in das Visier der Fahnder“. Zu diesem Zeitpunkt gab es aber weder ein Ermittlungsverfahren noch ein behördliches Aktenzeichen.

    Erst am frühen Nachmittag des 6.März formulierte der Kriminalbeamte Wallmeier eine Strafanzeige und bezog sich dabei ausdrücklich auf die Veröffentlichung im Spiegel. Ein seltsames Wechselspiel: Das Magazin verweist auf angebliche Ermittlungen und macht die eigene Rolle nicht transparent.

    Der Ermittler wiederum verweist auf die Spiegel-Berichterstattung. Die Verwirrung bei der Justiz ist beträchtlich. Die Bielefelder Strafverfolger hatten nie ein Verfahren eingeleitet. Stattdessen landete die späte Strafanzeige des Beamten bei der Staatsanwaltschaft Köln.


    » Wir wollten den wahren Grund für das Ausscheiden von Reiner Calmund bei Bayer Leverkusen aufzeigen « Der Spiegel-Reporter Jörg Schmitt

    Die erklärte sich für zuständig, bejahte einen Anfangsverdacht und ist ansonsten irritiert. „Da gibt es viele Merkwürdigkeiten,“ sagt der Kölner Oberstaatsanwalt Günther Feld.

    Als „Strafverfolgung mit Hilfe von Medien“ charakterisiert der Frankfurter Rechtsanwalt Professor Rainer Hamm solche Vorgehensweise. Nicht selten reichen Journalisten Hinweise von Informanten, die sie nicht als Verdachtsberichterstattung publizieren dürfen, an Staatsanwaltschaften weiter.

    Immer mehr Gerüchte

    Dafür wollen sie exklusiv informiert werden, wenn aus der Prüfung der Unterlagen ein Anfangsverdacht geworden ist.

    „Wir wollten den wahren Grund für das Ausscheiden von Reiner Calmund bei Bayer Leverkusen aufzeigen“, sagt Spiegel-Mann Schmitt, der schon am 26. Juli 2004 eine Geschichte darüber gemacht hatte, dass dem Bayer-Manager „exzessives Finanzgebaren zum Verhängnis“ geworden sei.

    Völlig bizarr werden die Umstände im Falle von Brinkmann. Am 3. März lag Wallmeier nach einem Mountainbike-Unfall auf der Arztpritsche, als sein Handy klingelte. Schmitt kündigte ihm eine Spiegel-Geschichte über die dubiose Fußball-Connection um Calmund, Graul, Brinkmann an.

    „Lasst Brinkmann da raus, wir haben keine Beweise“, sagte Wallmeier zu Schmitt. Das fruchtete offenbar. Von Brinkmann und einer angeblichen Spielmanipulation war in der ersten Spiegel-Story keine Rede.


    » Von mir aus könnt ihr das machen. Aber es gibt keine Beweise « Der Bielefelder Kriminalbeamten Karl-Heinz Wallmeier

    Am 8. März erweiterte Sport Bild die „exklusive“ Calmund-Geschichte des Spiegel um „ein böses Gerücht“: Der Spieler Brinkmann habe womöglich Geld erhalten, um das Spiel zwischen Bielefeld und Leverkusen 2003 zu manipulieren: „Zahlte Calmund Schmiergeld?“

    Am Montag dieser Woche berichtete der Spiegel in einer zweiten Geschichte über denselben Verdacht und meldete, dass Brinkmann „notorisch klamm“ sei. Beides findet sich so ähnlich in dem Vermerk des Ermittlers über das Gespräch mit dem Spiegel-Journalisten im Café.

    In der Spiegel-Berichterstattung taucht ein anonymer Zeuge auf, der keinen Ruf mehr zu verlieren hat. Die Anonymität dieses in den Fußball-Kreisen übel beleumundeten Zeugen wird intern beim Spiegel damit begründet, man habe ihm „kein Podium bieten“ wollen. „Die Bielefelder Kriminalpolizei ermittelt auch gegen einen Spieler“, steht im Vorspann der Geschichte.

    In Bielefeld laufen keine Ermittlungen gegen Brinkmann. In Köln auch nicht. Kripomann Wallmeier hat seine eigene Deutung der Geschichte. Am 11.März habe ihm Schmitt gesagt, nun müsse auch der Spiegel die Brinkmann-Story machen. Der Kripobeamte will nochmals gewarnt haben: „Von mir aus könnt ihr das machen. Aber es gibt keine Beweise.“

    (SZ vom 16.3.2006)

    http://www.sueddeutsche.de/,tt5m3/sport/w…ikel/150/72078/

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