In München stellte STEFAN REINARTZ (23) mit über 13 gelaufenen Kilometern einen Saisonbestwert auf. Der kicker sprach mit dem Leverkusener.
kicker: Herr Reinartz, haben Sie eigentlich eine Wette mit Lars Bender laufen?
Stefan Reinartz: Okay, ich weiß, worauf diese Frage abzielt. Wir laufen eben viel. Aber manchmal ist es nicht entscheidend, wie viel man läuft, sondern wohin.
kicker: Gegen die Bayern stimmte offenbar beides. Sie absolvierten 13,56 Kilometer. Wohin läuft man da? Und was sagt dieser Wert aus?
Reinartz: Sicherlich sagt er aus, dass man über eine gewisse Grenze gehen muss. Auch wenn es schmerzt.
kicker: Das Spiel konzentrierte sich über weite Strecken auf eine Platzhälfte. Wie kommen solche Distanzen zustande?
Reinartz: Wir hatten relativ wenig Ballbesitz, mussten also die ganze Zeit in Bewegung sein. Weil die Bayern das Spiel immer wieder verlagerten, mussten wir verschieben. Das sieht statisch aus, ist aber zu vergleichen mit einem Fischschwarm, da sind auch alle Fische ständig in Bewegung.
kicker: Wie viel Glück spielte mit?
Reinartz: Pures Glück war es sicherlich nicht. Uns wurde beispielsweise ein reguläres Tor aberkannt, das habe ich in der Berichterstattung etwas vermisst. Stefan Kießling besaß noch eine große Chance zum 2:0.
kicker: Die Bayern waren aber auch ein paar Mal vor Ihrem Tor ...
Reinartz: Natürlich waren sie dominant. Das war ja auch gewollt. Aber wir hatten auch unsere Chancen, bei allem Glück. Wohlgemerkt: Ich will nicht sagen, dass es hochverdient war. Aber entschuldigen müssen wir uns nicht für den Sieg.
kicker: Stimmen Sie uns zu, dass es eine schlechte Leverkusener Defensivleistung war?
Reinartz: Eine eigenwillige Frage! Wir gewinnen in München und Sie fragen, wie schlecht wir waren.
kicker: Die Bayern hatten zwölf Großchancen!
Reinartz: Ich habe keine zwölf Großchancen gesehen. Aber ich stimme Ihnen zu, dass die Bayern stark gespielt haben. Das ist nicht einfach für uns, wenn da nacheinander Shaqiri, Robben und Pizarro reinkommen. Das ist schon eine besondere Qualität.
kicker: Nach der Partie wurde mehr vom besiegten FC Bayern geschrieben, weniger von Ihrem historischen ersten Sieg seit 23 Jahren. Stört das?
Reinartz: Ich habe das gar nicht so empfunden. Sie ziehen halt mehr Aufmerksamkeit. Das trübt die Freude aber nicht.
kicker: Bayer hat seit zehn Pflichtspielen nicht mehr verloren. Trotzdem hat man nicht den Eindruck, dass Sie eine gute Saison spielen. Woran liegt das?
Reinartz: Daran, dass wir die Spiele, die wir hätten gewinnen müssen, nicht gewonnen haben.
kicker: Welche Spiele?
Reinartz: Mönchengladbach, Stuttgart, Mainz – da haben wir jeweils zwei Punkte liegen gelassen. Auch gestern in Bielefeld, das war keine Ruhmestat. Da fehlt es eben zu den Spitzenteams.
kicker: Lars Bender spricht von der Einheit, die sich gefunden hat.
Reinartz: Das ist nach der 0:3-Niederlage in Dortmund gewachsen. Das war der negative Höhepunkt. Aber seitdem haben wir uns gefunden, da entsteht etwas. Wir waren schon vor München auf einem guten Weg. Die Basis stimmt sowieso. Wir haben eben nicht immer unsere Möglichkeiten ausgespielt.
kicker: Weil Bayer Wille, Aggressivität und Bereitschaft fehlen?
Reinartz: Das sind sicherlich Dinge, die man verbessern kann. Aber dies sind auch grundlegende Eigenschaften. Einem Arturo Vidal beispielsweise wurden die in die Wiege gelegt. Wir sind als Team grundsätzlich nicht mit dieser Aggressivität im Übermaße ausgestattet. Aber in München war es in diesem Bereich absolut okay. Trotzdem gewinnen wir sicherlich nicht 34 Spiele über die Aggressivität. Dafür haben wir andere Stärken.
kicker: Welche?
Reinartz: Wir sind in der Lage, klug zu spielen. Wir können ein Spiel kontrollieren, haben Geduld, vermeiden das Harakiri-Spiel. Wir sind ja nicht zur Belustigung da, wir wollen Punkte einfahren. Jedem von uns ist klar, dass es ohne Aggressivität nicht geht. Aber wir haben das verbessert.
kicker: Welche Rolle spielt das Trainerteam bei dieser Entwicklung?
Reinartz: Indem sie die Schwerpunkte setzen, nehmen sie Einfluss. In München hieß der Schwerpunkt Aggressivität. Gegen Düsseldorf kann das schon wieder ein anderer Schwerpunkt sein.
INTERVIEW: FRANK LUßEM
Quelle: kicker-Printausgabe vom 01.11.12