Beiträge von BayAddict

    Die Handschrift von Trainer ROGER SCHMIDT (47) ist bereits unverkennbar: Bayer überrumpelt seine Gegner – und macht so auch international Furore.

    Nach den Siegen bei Waldalgesheim, in Kopenhagen und Dortmund durfte Bayer 04 erstmals in der neuen Saison im eigenen Stadion ran – und die Heimpremiere von Trainer Roger Schmidt geriet gleich zum echten Feier-Abend. Im „wichtigsten Spiel der Hinrunde“ (Sportchef Rudi Völler) gelang nicht nur der souveräne Einzug in die Champions-League-Gruppenphase. Vielmehr bewies das Team um Kapitän Simon Rolfes einmal mehr, wie schnell es die Philosophie seines neuen Chefcoaches bereits verinnerlicht hat. Bärenstarkes Gegenpressing führte erneut zu einer blitzartigen Führung, diesmal durch Balleroberer Heung-Min Son nach Doppelpass mit Stefan Kießling nach 69 Sekunden. Eine atemberaubende Parallele aller bisherigen Auftritte: Bei Waldalgesheim lag Bayer auch binnen 120 Sekunden vorn, in Kopenhagen nach fünf Minuten und beim BVB nach neun Sekunden.

    Diese Überrumpelungstaktik ist ein wesentlicher Bestandteil der Handschrift Schmidts, dem Rückpässe zum eigenen Torwart nach dem Anstoß laut eigenem Bekunden „Magengeschwüre verursachen“ würden. Doch derlei Beschwerden bleiben bislang den gegnerischen Abwehrreihen vorbehalten. Die Unerbittlichkeit, mit der Leverkusen seinen Stil durchzieht, erinnert an die Auftritte des jungen Boris Becker in Wimbledon Mitte der 80er Jahre: Serve and volley à la Bum-Bum-Bayer! Beeindruckend auch das überfallartige Umschalten aus der eigenen Abwehr, mustergültig vorexerziert nach einer halben Stunde, als der durchgestartete Außenverteidiger (!) Tin Jedvaj in Mittelstürmerposition nur noch per Foul gestoppt werden konnte. Mit dem fälligen Elfmeter zum 3:0 beseitigte Kießling die allerletzten theoretischen Zweifel am Einzug ins Feld der Top-32, der Bayer rund 20 Millionen Euro garantiert.

    Seit der Rückeroberung des vierten Champions-League-Platzes vor der Saison 2012/13 ist die Bundesliga zum zweiten Mal hintereinander mit einem Quartett vertreten. Lediglich Gladbach scheiterte 2012 an Kiew. Und Bayers aktueller Auftritt nährt die Hoffnung, dass wie vergangene Saison alle vier deutschen Starter sogar ins Achtelfinale einziehen könnten. Wie in Dortmund bewiesen Schmidts Schützlinge am Mittwoch nämlich auch, die Balance zwischen Angriff und Defensive halten zu können. „Erfolgreicher und toller Fußball“ – Völlers Forderung bei Schmidts Amtseinführung wird schon nahezu perfekt erfüllt.

    Quelle: kicker-Printausgabe vom 28.08.14

    EINWURF VON CHRISTOPH DAUM
    Der derzeit vereinslose Trainer arbeitete von 1996 bis 2000 bei Bayer Leverkusen.

    Das Erreichen der Gruppenphase der Champions League war nach dem Auswärtssieg in Kopenhagen keine wirkliche Überraschung mehr. Jetzt bin ich gespannt, ob Bayer Leverkusen auch in der Königsklasse bereit ist, den nächsten Schritt zu machen, und dabei in der Lage ist, die Lücke nach oben zu verkleinern.
    Als ich die Partie der Leverkusener bei Borussia Dortmund verfolgte, traute ich zeitweise meinen Augen nicht. Selbst am Fernsehschirm war die Präsenz greifbar, diese unglaubliche Rasanz, mit der die Mannschaft den Gegner in Bedrängnis brachte.
    Dieses Spiel zeigte bereits exemplarisch, wohin Roger Schmidt mit seiner Mannschaft will: Es gilt, sofort zu agieren, die Initiative zu ergreifen, den Gegner physisch und psychisch zu dominieren. Dabei wird das frühe Attackieren von sofort nachrückenden Spielern unterstützt, dadurch bleibt das gesamte Gebilde kompakt, die Aktionsräume und -möglichkeiten des Gegners werden extrem eingeengt.
    Der Fußball, den Schmidt spielen lässt, stellt höchste Ansprüche an Aufmerksamkeit und Konzentration der Spieler. Er will sie alle immer aktiv im Spiel haben. Das verlangt enorm hohe Laufbereitschaft, vor allen Dingen ohne Ball. Jeder Spieler muss bereit sein, sofort umzuschalten und die nötigen Wege mitzugehen.
    Viele Phasen der ersten Spiele lassen darauf schließen, dass die Profis Schmidts Forderungen in Sachen Aggressivität, Laufbereitschaft und Konzentration verinnerlicht haben. Die Flexibilität wird ergänzt durch die Fähigkeit, ein sicheres, ruhiges Passspiel aufziehen zu können, das den Gegner durch einen plötzlichen, explosiven Tempowechsel vor unlösbare Probleme stellt.
    Ich bin sicher, dass die Balance im Bayer-Spiel stimmt. Es wurden nicht extrem viele Chancen zugelassen. Die Räume, in die der Gegner aufgrund der Leverkusener Strategie der Vorwärtsverteidigung scheinbar stoßen kann, sind alles andere als leicht zu bespielen, da meist weit entfernt vom Geschehen.
    Bayer Leverkusen konnte sich in Europa etablieren. Ergebnisse und Platzierungen zuletzt waren aller Ehren wert. Dennoch war der Impuls, den der neue Trainer nun setzte, nach den Erfahrungen der vergangenen Saison wichtig. Attraktives Offensivspiel, mutig und erfolgreich – das wollen die Menschen sehen. Meine einzige Sorge: Reicht der Kader angesichts der Belastungen? Zwar ist gezielt eingekauft worden, aber die eigenen Ansprüche sind hoch. Ich drücke Bayer Leverkusen die Daumen, dass es klappt.

    Quelle: kicker-Printausgabe vom 28.08.14

    LEVERKUSEN: Schmidt zeigt sich von seinem Team angetan

    Wie stellt man sich als Trainer wohl sein erstes Bundesligaspiel vor? Wünscht man sich ein heißes Spiel vor toller Kulisse, sagen wir mal in Dortmund? Träumt man von einem blitzschnellen Tor, von einer Mannschaft, die den Gegner beherrscht, über weite Strecken weit vom eigenen Tor fernhält und das Spiel kontrolliert? Die in den Schlusssekunden mit einem feinen Konter nach toller Mannschaftsleistung den verdienten Sieg unter Dach und Fach bringt? Das klingt nach einem perfekten Tag, und genau den erlebte Roger Schmidt. „Einen besseren Einstand“, räumte der Trainer nach seinem Bundesligadebüt ein, „kann man sich gar nicht wünschen. Das Spiel hätte man sich nicht schöner malen können.“

    Eine runde Leistung liefert Bayer ab, auch wenn in den Schlussminuten Bernd Leno, der sein 100. Bundesligaspiel bestritt, zweimal sehr intensiv gefordert war. „Unsere erste Halbzeit war super, und als nachher die Power bei uns ein bisschen weg war, haben wir klasse gekämpft. Wir sind ein geiles Team“, resümierte Leno. Besonders beeindruckend, wie geschlossen das Team beim Vizemeister auftrat, schon in diesem frühen Stadium der Saison mit dem dritten Pflichtspiel (nach DFB-Pokal und Champions-League) trumpfte Leverkusen als Kollektiv auf mit hoher Laufbereitschaft, aggressiv und auch spielerisch stark.

    Sehr mutig und hoch gestaffelt setzte die Mannschaft dem BVB zu, störte äußerst früh und verschob extrem zur Ballseite. „Wir haben viele Dinge richtig gemacht“, freute sich Schmidt, „das war schon außergewöhnlich. In der ersten Halbzeit hat die Truppe taktisch, in der zweiten emotional dann hervorragend gespielt. Das war eine Leistung am Limit.“ Den Hinweis, Leverkusen habe Dortmund mit den eigenen Waffen geschlagen, nahm Schmidt gut gelaunt auf. „Schnelles Umschalten, Gegenpressing, das ist in vielen Bereichen ähnlich wie das Dortmunder Spiel. Aber auch ähnlich wie bei einigen anderen Klubs“, versichert der Fußballlehrer. Und wenn dann noch die Kopie das Original schlägt, dann steht unter dem Strich ein rundum überragendes Bundesligadebüt.
    O. Bitter

    Quelle: kicker-Printausgabe vom 25.08.14

    Als es geschafft war, ließ er sich erst mal fallen. Luft holen, durchatmen. In den knapp zwei Stunden vorher war dies nicht möglich. Weil Stefan Kießling selbst in der Halbzeitpause nicht bereit ist, die Anspannung herunterzufahren, weil er Adrenalin produziert, solange das Spiel läuft. Wie er das in der Kabine verarbeitet, weiß man nicht. Auf dem Rasen aber legt der Blondschopf einfach keine Pause ein. Ob er gut spielt oder nicht – immer läuft er, immer kämpft er, häufig trifft er. Fünf Tore im Pokal, eins in der Champions League, eins nun in Dortmund zum 2:0. Bemerkenswert, dass der 30-Jährige dies in letzter Minute erzielte. Denn da hatte er bereits ein riesiges Pensum hinter sich, erneut auch seinen Wert als Defensivkraft unter Beweis gestellt, sich jedem BVB-Standard entgegengeworfen. Stefan Kießling, oder: Arbeit lohnt sich.
    F. Lußem

    Quelle: kicker-Printausgabe vom 25.08.14

    Sagen Sie mal . . .
    Simon Rolfes
    32, BAYER LEVERKUSEN

    Das 2:0 in Dortmund war ein Paukenschlag zum Auftakt. Wie bewerten Sie den Sieg beim BVB, Herr Rolfes?

    Das war natürlich ein Spiel zum Genießen. Nur: Es klingt zwar abgedroschen, aber mehr als drei Punkte kriegen wir dafür halt auch nicht. Es kommen auch noch schwerere Tage, das ist uns allen bewusst.

    Das neue System von Roger Schmidt: Wie sehr hat die Mannschaft schon die veränderten Aufgaben verinnerlicht?
    Das können wir nur umsetzen, wenn alle Mann mitmachen, da darf sich keiner rausnehmen, sonst bist du anfällig. Diesmal hat das schon prima geklappt, und in Dortmund zu gewinnen, das ist natürlich eine tolle Bestätigung. Gegen einen Gegner zu bestehen, der so gut umschalten kann, das gibt umso mehr Selbstvertrauen.

    Vor allem in der ersten Halbzeit hat Leverkusen sehr früh attackiert, hoch verteidigt und extrem zur Ballseite verschoben. Sagen Sie mal, wie kraftraubend ist denn so eine Spielweise?
    Einerseits ist das natürlich sehr kräftezehrend, weil wir immer Überzahl in Ballnähe schaffen wollen, andererseits ergeben sich natürlich auch kürzere Laufwege, weil wir den Ball oft schon weit in der gegnerischen Hälfte erobern.

    Wie wichtig sind in dieser Phase die Absprachen auf dem Platz?
    Das ist in Dortmund ja bei diesem Geräuschpegel sowieso kaum möglich, da verstehst du dein eigenes Wort nicht. Aber man hat ja auch gemerkt, dass jeder seine Aufgaben kennt, jeder weiß, was zu tun ist. Vor allem war auch zu sehen, dass wir mit großer Überzeugung gespielt haben. Nach so einem frühen Tor spielt man natürlich auch ganz anders auf.

    Wie haben Sie denn das schnelle 1:0 von Karim Bellarabi nach neun Sekunden erlebt?
    Tja, da haben wir so richtig gezeigt, dass wir von Anfang an hellwach sind. So war es geplant … Nein, im Ernst, wir wollten von Anfang an eben auch in Dortmund zeigen, dass wir sofort nach vorne gehen, das hat in diesem Fall überragend geklappt. Ich war ja schon öfter hier, aber dass wir so wenig Chancen zugelassen haben wie in der ersten Halbzeit, daran kann ich mich nicht erinnern. Bis auf eine Standardsituation ist da nichts passiert. Das war ein Festtag, schon nah am Limit.

    Schiedsrichter Aytekin hat fünf Minuten nachspielen lassen. Wie schlimm war es denn, von der Bank aus die heiße Schlussphase zu erleben?

    Ich habe mich schon gefragt, warum er so lange nachspielen lässt, es ist ja schließlich keiner mit der Trage rausgebracht worden. Aber am Ende war es auch in Ordnung, so hat er uns noch das zweite Tor gegönnt.

    Am Mittwoch steht nach dem 3:2-Sieg in Kopenhagen das Rückspiel in Leverkusen an. Was spricht dagegen, dass Bayer in die Gruppenphase der Champions League einzieht?

    Klar ist, dass keiner es als gegeben annimmt, dass wir da locker durchmarschieren. Das wird harte Arbeit, aber mit so einem Bundesligastart treten wir natürlich mit viel Selbstvertrauen auf. Da spielt es sich etwas leichter.
    INTERVIEW: OLIVER BITTER


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 25.08.14

    Als RUDI VÖLLER (54) 1994 von Marseille nach Leverkusen wechselt, ist er davon überzeugt, dass er nach einem Jahr die Karriere beenden und nach Rom ziehen wird, in die Heimat seiner Frau Sabrina. Nun sind es 20 Jahre geworden. Ein persönlicher Rückblick, aufgezeichnet von Frank Lußem.

    28. August 1994: „Auf der Ersatzbank wartete ich auf meinen ersten Einsatz für Bayer Leverkusen. Nach 73 Minuten war es so weit, ich kam für Ulf Kirsten, wir führten 3:0 gegen die Frankfurter Eintracht. Am Ende stand es 4:0, in letzter Minute gelang mir ein Kopfballtor. Es war ein toller Abend, ein gelungenes Comeback und der Auftakt für zwei aufregende Jahrzehnte – was ich damals aber nicht wusste.“

    18. Mai 1996: „Mein letztes Bundesligaspiel war mein dramatischstes. Und das Foto, auf dem ich meinen Weltmeister-Kumpel Andy Brehme tröste, wurde eines der berühmtesten der Liga-Geschichte. Durch das 1:1 gegen den FCK hielten wir die Klasse. Ich war erleichtert, aber Andy tat mir nur noch leid.“

    21. Mai 1996: „Der Klassenerhalt war umso wichtiger, weil wir drei Tage später in der ausverkauften Bay-Arena meinen Abschied vom aktiven Fußball feierten. Es wurde ein tolles Fest mit vielen Freunden, Udo Jürgens sang, die Nationalmannschaft kam komplett, viele machten durch bis in den Morgen. Geschadet hat es keinem: Ein paar Wochen später wurden die Jungs in London Europameister.“

    3. September 1996: „Mein Wechsel ins Management war längst besprochene Sache. Schon im Urlaub ging es los, Reiner Calmund hielt mich täglich auf dem Laufenden, was die Verpflichtung eines neuen Trainers betraf. Eigentlich hatte ich ja erst mal abschalten wollen nach der Zitter-Saison. Aber Calli kannte schon damals keine Pause. Ich habe vom ersten Tag an viel von ihm gelernt.“

    25. September 1996: „Mein neuer Arbeitsplatz. Hatte ich vorher den Blick vom Rasen auf die Tribüne, musste ich mich jetzt an die neue Perspektive gewöhnen.
    Es fiel mir leichter, als ich dachte. Auch, weil ich direkt in der Bay-Arena ein wunderschönes Büro mit einem großen Panoramafenster bezog. Ich hatte den Rasen immer vor Augen. Bis heute übrigens.“

    7. Mai 1997: „Mit diesem Menschen verbrachte ich in dieser Zeit deutlich mehr Zeit als mit meiner Frau und meinen Kindern. Reiner Calmund – mit dem ich hier zusammen bei einem Benefizspiel bin – war ein Hansdampf in allen Gassen. Aber für den Manager-Nachwuchs mit Andreas Rettig, Michael Reschke, Ilja Kaenzig und mir war Calli Gold wert. Er gab uns immer das Gefühl, gleichwertiger Partner zu sein. Auch wenn er am Ende ein Ding alleine durchzog – er betonte immer unseren Anteil.“

    2. Juli 2000: „Nach dem frühen Aus der deutschen Mannschaft bei der EURO 2000 und dem Rücktritt von Erich Ribbeck sollte Christoph Daum Bundestrainer werden. Da er noch bis 2001 an Bayer Leverkusen gebunden war, wurde ich während einer dramatischen Sitzung in Köln als Teamchef ausgeguckt. Bayer stellte mich frei, ich sagte zu. Was sollte denn in den paar Monaten schon groß schiefgehen?“

    9. November 2000: „Nach dem dramatischen Abschied von Christoph Daum im Oktober 2000 übernahm ich – obwohl schon seit einem Vierteljahr DFB-Teamchef – vorübergehend den Trainerposten in Leverkusen. In sieben Spielen kassierten wir keine Niederlage. Calli wollte mich überreden, die Doppelfunktion beizubehalten. Aber ich konnte ihm das ausreden, es wäre zu Interessenkonflikten gekommen. In der Praxis hätte das nicht geklappt. Im November kam Berti Vogts, der die Mannschaft zwischenzeitlich auf Platz eins führte, am Ende der Saison aber gehen musste.“

    24. März 2001: „Während meiner Zeit als Sportdirektor in Leverkusen hatte ich Michael Skibbe, damals Trainer in Dortmund, kennen und schätzen gelernt. Ich war froh, als er mein Assistent wurde. Hier warten wir auf den Anpfiff des WM-Qualifikationsspiels gegen Albanien in der Bay-Arena. Ein historisches Spiel: Miroslav Klose kam erstmals zum Einsatz, erzielte sein erstes Tor für Deutschland.“

    30. Juni 2002: „Meine Gratulation an den großen Ronaldo nach dem WM-Finale in Yokohama. So traurig die Niederlage war: Wir spielten eine überragende WM. Wir waren ohne große Ambitionen nach Asien gefahren und kamen als Finalist zurück. Unsere beste Leistung zeigten wir gegen die Brasilianer, trotz des 0:2. Neben Oli Kahn waren es übrigens Spieler aus Leverkusen, die unser Spiel prägten: Ballack, Schneider, Ramelow, Neuville.“

    20. November 2002: „Dieses Ruudi hat mich durch meine Karriere begleitet. Es ist schön, wenn man gefeiert wird. Besser als umgekehrt. Aber ein bisschen unangenehm war mir das auch immer. Das Foto entstand beim Länderspiel gegen die Niederlande. Wir verloren auf Schalke 1:3. Es muss also ziemlich früh aufgenommen worden sein.“

    17. Mai 2003: „Als Teamchef überreichte ich dem Deutschen Meister 2003 die Schale. Damals war der FC Bayern dran, ein Jahr später durfte ich sie Frank Baumann, Kapitän meines Ex-Klubs Werder Bremen, in die Hände drücken. Nur zu gerne hätte ich sie während meiner Amtszeit an Bayer Leverkusen übergeben. Aber 2002 scheiterte das Team um Klaus Toppmöller haarscharf.“

    1. September 2004: „Nach dem Vorrunden-Aus bei der EURO 2004 zog ich die Konsequenzen und trat zurück. Ich wollte nur noch Urlaub, möglichst lange. Es gab viele Angebote, ich lehnte alle ab. Die Bitte des AS Rom aber konnte ich nicht abschlagen, Cesare Prandellis Frau war erkrankt, er brauchte eine Pause. Das erste Spiel gewannen wir noch mit 1:0 gegen Florenz. Danach schlugen die alten Probleme voll durch. Und so trat ich nach ein paar Wochen wieder zurück. Mir war egal, was die Leute dachten. Es ging nicht.“

    18. Januar 2005: „Ich war ja nie richtig weg aus Leverkusen, auch als Teamchef hatte ich mein Büro in der Bay-Arena. Und selbst als Trainer in Rom spielte ich in der Champions League gegen Bayer. So begann im Januar 2005 meine zweite Amtszeit in Leverkusen. Mit Wolfgang Holzhäuser und Michael Reschke machte ich mich an die Arbeit, trotz geringerer Zuwendungen sportlich möglichst erfolgreich zu sein. Ich denke, es ist uns ganz gut gelungen.“

    14. Juli 2010: „Jupp Heynckes und ich hatten viel vor mit Michael Ballack, der 2010 zurückkehrte. Verletzungen machten ihm häufig einen Strich durch die Rechnung. Es lief nicht wie erhofft, aber besser als beschrieben.“

    1. April 2012: „Nachdem wir uns von Robin Dutt trennen mussten, übernahm mit Sascha Lewandowski und Sami Hyypiä ein Duo die Mannschaft. Die beiden machten ihre Sache sensationell und führten Bayer in die Champions League. Das Wechselspiel danach war den Umständen geschuldet. Immerhin: Die Königsklasse ist wieder drin.“

    30. Juni 2014: „Mit Roger Schmidt als neuem Trainer erhoffen wir uns alle frischen Wind – Rückschläge inbegriffen. Ich denke, wir sind gut aufgestellt und können zuversichtlich in die Zukunft schauen. Ein Jahr wollte ich 1994 bleiben, dann noch eins dranhängen, weil es so gut lief. Und plötzlich waren es dann 20 Jahre. Wie der Mensch sich irren kann.“

    Quelle: kicker-Printausgabe vom 25.08.14

    PS: Fotos dazu sind natürlich nicht möglich

    Bayer-Coach ROGER SCHMIDT (47) lässt nach dem Sieg in Kopenhagen kaum Kritik zu. Sein System birgt allerdings Risiken.

    Roger Schmidt schienen die Nachfragen zu seinem System zunehmend zu verärgern, also stellte Leverkusens neuer Trainer nach der Rückkehr aus Kopenhagen klar: „Das Spiel bestätigt mich.“ So sieht er das, und das ist aus seiner Sicht sicher verständlich. Mit 3:2 gewann seine Mannschaft das Qualifikations-Hinspiel zur Champions League beim FC Kopenhagen, phasenweise zeigte Bayer dabei im Spiel nach vorne eine bärenstarke Leistung.

    Alles richtig gemacht, könnte man also sagen. Nur: Vor allem in der ersten Halbzeit offenbarte das Team auch Schwächen in der Defensive. Es fehlte an der Balance, der Wucht im Angriff standen mehrere Wackler in der Abwehr gegenüber. „Da greift sicher das eine oder andere Rädchen noch nicht so ineinander, wie das später einmal der Fall sein wird“, räumte Bayer-Geschäftsführer Michael Schade ein.

    Schmidt wollte davon allerdings nichts wissen. Sein System ist offensiv ausgerichtet, durch konsequentes und permanentes Pressing soll der Gegner immer wieder zu ungenauen Befreiungsschlägen gezwungen werden. In Kopenhagen – beim erst zweiten Pflichtspiel der Saison – klappte das aus verständlichen Gründen noch nicht immer. Die Folge: Hinten stand Bayer häufig Mann gegen Mann, eine Absicherung fehlte. Vor dem Freistoß, der das zwischenzeitliche 2:1 für Kopenhagen einleitete, konnte Giulio Donati FC-Stürmer Andreas Cornelius etwa nur per Foul stoppen. „Es sieht so aus, als wäre das System mit Risiko behaftet“, meinte Schmidt, „aber es wirkt riskanter, als es ist“.

    Hätte Kopenhagen allerdings den einen oder anderen Angriff besser ausgespielt, hätte es zu mehr als den beiden Toren nach zwei Standardsituationen reichen können. Andererseits boten sich auch Leverkusen, gerade in der einseitigen zweiten Hälfte, zahlreiche Chancen, um nach den Toren von Stefan Kießling, Karim Bellarabi und Heung-Min Son nachzulegen. „Wir haben ein besseres Ergebnis liegen lassen“, meinte Schmidt zu Recht. Ansonsten aber wollten sie bei Bayer kaum Kritik zulassen, schon gar nicht an der neuen Spielweise. „Wenn du neun Stück machst, kannst du auch fünf kriegen“, meinte Stefan Kießling.

    Neben dem Torjäger stach aus der beweglichen Offensive Hakan Calhanoglu heraus. Der ehemalige Hamburger bewies seine Spielmacher-Qualitäten, bereitete zwei Tore vor und leitete mit klugen Pässen in die Tiefe viele gute Angriffe ein. „Ich wollte unbedingt das erste Champions-League-Tor, das ist mir leider nicht gelungen. Aber ich habe zwei Vorlagen gegeben. Deshalb denke ich, dass ich zufrieden sein kann“, sagte der 20-Jährige. Lob gab’s von Sportdirektor Rudi Völler: „Man hat gesehen, welch wunderbarer Fußballer er ist, mit welcher Geschmeidigkeit er die Bälle behandelt und seine Mitspieler einsetzt.“ Vor dem Rückspiel am Mittwoch, wenn es um laut Schade „15 bis 20 Millionen Euro Manövriermasse“ geht, steht zunächst der Ligastart in Dortmund auf dem Programm. „Das wird ein schöner Fight“, meinte Kießling mit einem Grinsen: „Da wird um jeden Meter gekämpft.“
    Jan Reinold


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 21.08.14

    FC KOPENHAGEN: Löwen in der Krise

    In der aktuellen Form benötigt der FC Kopenhagen wohl ein kleines Wunder, um sich gegen Bayer Leverkusen durchzusetzen. Gegen Midtjylland setzte es mit dem 1:2 die zweite Heimniederlage in Folge. Das war dem FCK in der Liga seit 16 Jahren nicht mehr passiert. Zwar zeigte sich die Elf gegenüber dem peinlichen 0:3 gegen Aufsteiger Hobro etwas verbessert und war auch in der ersten Hälfte die bessere Mannschaft, hatte aber nur eine klare Chance: Der deutsche Stürmer Marvin Pourie traf mit seinem Schuss nur die Latte.

    Er spielte auch deshalb, weil der beste Offensivakteur und Topstar der Mannschaft fehlte: Der Ex-Leverkusener Nicolai Jörgensen wird wegen einer Zerrung auch gegen seinen ehemaligen Klub nicht spielen können. Ohne ihn war der Angriff ineffizient. Das Mittelfeld zeigte sich ideenlos und die Abwehr um den Ex-Nürnberger Per Nilsson offenbarte gelegentliche Konzentrationsmängel. Die Löwen von Trainer Stale Solbakken (Ex-Köln) befinden sich in einer kleinen Krise. Zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt.
    NIELS IDSKOV

    Quelle: kicker-Printausgabe vom 18.08.14

    Bayers Sportchef RUDI VÖLLER (54) sieht die zwei Spiele gegen den FC Kopenhagen als Abschluss der vergangenen Saison – mit neuem Personal.

    Bayer Leverkusen in diesen Tagen: Mit dem Blick zurück auf dem Weg nach vorne. Unter diesem Motto steht die Dienstreise nach Kopenhagen, an deren Ende Bayer Leverkusen den Grundstein für das Erreichen der Champions League legen will. Der Rückblick gilt der vergangenen Saison: „Diese Spiele zähle ich noch dazu“, sagt Sportchef Rudi Völler, „wir haben uns gefreut, wir haben gelitten und uns wieder gefreut. Und jetzt wollen wir das krönen. Aber das muss man sich verdienen.“

    Platz vier in der vergangenen Spielzeit durfte am Ende als Erfolg herhalten: „Wie schwer der zu erreichen ist, das wissen vor allen Dingen die Klubs, die wir hinter uns gelassen haben“, scherzt Völler.

    Klappt es mit der Qualifikation für die Gruppenphase, wäre es für Bayer die zweite Teilnahme in Folge am lukrativsten Klub-Wettbewerb der Welt. In der vergangenen Spielzeit erreichte Bayer das Achtelfinale, kassierte rund 22 Millionen Euro. Geld, das dazu beitrug, dass man vor dieser Runde investieren konnte wie noch nie, rund 30 Millionen Euro flossen in den Transfermarkt. Dafür kann Roger Schmidt nun über einen Kader verfügen, der qualitativ so hochwertig ist wie lange nicht und in der Breite deutlich mehr Möglichkeiten lässt als in den vergangenen Jahren.

    „Die Qualifikation ist wichtig, für die Mannschaft, für den Verein“, sagt der Trainer, „es ist eine Entscheidung von großer Bedeutung.“ Diese kommt der Champions League zu, „bei allem Respekt“, so Schmidt, „da kann die Europa League nicht mithalten“.

    Mit welcher Formation Bayer die Aufgabe in der dänischen Hauptstadt angeht, steht noch nicht fest. Ömer Toprak fehlte im Pokalspiel in Mainz wegen einer Rückenblockade, dürfte aber fit sein. Sein Kollege Kyriakos Papadopoulos musste mit Knieproblemen passen, „nichts Dramatisches“, sagt Rudi Völler, „eine Folge der Trainingsbelastungen, das haben wir im Griff“.

    Der Grieche kann langsam an die Belastungen herangeführt werden, immerhin stehen neben Toprak mit Emir Spahic, Tin Jedvaj und immer noch Philipp Wollscheid (für den kein Angebot vorliegt) drei fähige Innenverteidiger im Kader. Die Qual der Wahl hat Schmidt auch weiter vorne. Neben Hakan Calhanoglu und Stefan Kießling kann er aus dem Vollen schöpfen: Ob Brandt, Drmic, Son oder Bellarabi – sie alle verfügen über eine Menge Potenzial. Und nicht zuletzt diese Tatsache macht Bayer zum großen Favoriten in diesen Play-off-Spielen.
    FRANK LUßEM


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 18.08.14

    Leverkusens neue Nummer 10, HAKAN CALHANOGLU (20), kam mit Getöse. Die Champions League, davon geht er aus, ist sein Ding.

    Gehen wir mal getrost davon aus, dass Hakan Calhanoglu (20) für die Ausübung seines Berufes überall jede Menge Geld verdient hätte. Als er in der vergangenen Woche verriet, dass der FC Bayern um seine Dienste gebuhlt habe, war das Thema endgültig durch. Also: Hakan Calhanoglu hat seinen Wechsel nach Leverkusen nicht der Kohle wegen über Wochen betrieben. Am Rande der Erträglichkeit übrigens.

    Nein, dem jungen türkischen Nationalspieler ist abzunehmen, dass er ganz bewusst den Weg von Hamburg nach Leverkusen suchte. Bayer Leverkusen konnte sich in den vergangenen Jahren als Ausbildungsverein auf allerhöchstem Niveau etablieren. Als unlängst Real Madrid im europäischen Supercupspiel auf den FC Sevilla traf, standen mit Toni Kroos (24) und Daniel Carvajal (22) zwei Spieler im Team des Champions-League-Siegers, die in Leverkusen ihre ersten Schritte auf dem Weg in die internationale Spitze machten. Jorginho, Paulo Sergio, Lucio, Juan, Berbatov, Ballack, Vidal, Zé Roberto, Emerson, Robert Kovac, Vidal, Schürrle hießen ihre Vorgänger – mehr als ein Dutzend Profis, die in Leverkusen die ganz große Karriere starteten.

    Nun also Hakan Calhanoglu. Machen wir uns nichts vor: Nur wenn irgendwas nicht richtig läuft, wird Bayers neue Nummer 10 seinen Fünfjahresvertrag beim Bundesligisten erfüllen. Entwickelt er sich kontinuierlich so weiter, wie er das in seinem Jahr beim Hamburger SV andeutete, dann kommen die Großklubs und locken mit Macht und Geld, heute noch geheime Vertragsklauseln werden greifen. Deshalb ist es ja nur ehrlich, wenn dieser Spieler bei seiner ersten Pressekonferenz davon spricht, „zwei, drei Jahre“ für Bayer spielen zu wollen. Ehrlich, wenngleich ungeschickt. Wie überhaupt die Außendarstellung des Hakan Calhanoglu nicht mit der Entwicklung auf dem Rasen Schritt halten konnte – kein neues Problem im Profifußball, Verblüffung kommt dennoch immer wieder auf angesichts der Widersprüche, in die man sich selbst verstricken kann.

    Doch dies ist Vergangenheit, möglicherweise auch Zukunft – in der Gegenwart ist Hakan Calhanoglu da, wo er immer hinwollte: Er steht an der Kasse des ganz großen Kinos, das Ticket gegen Kopenhagen muss gelöst werden und die nächste Stufe der Karriereplanung kann gestartet werden.

    Der „besseren Perspektiven“ wegen ist er zur „Werkself“ gewechselt. Diese sah man beispielsweise beim FC Bayern München nicht, deshalb verzichtete er auf Verhandlungen mit dem Rekordmeister. Dort wäre er ja in der Tat nur einer von vielen gewesen. In Leverkusen aber wird das Spiel auf ihn abgestimmt. Eine „10“, einen Spielmacher, wünschen sich die Fans des Bundesligavierten seit Jahren. Schussstark, raffiniert, einen, der was machen kann aus den vielen Freistößen, die ein Stefan Kießling in Strafraumnähe herausholt. Einer, der die Ecken und Standards so kopfgerecht serviert, dass die langen Jungs bei Bayer etwas damit anfangen können. Ömer Toprak, Sebastian Boenisch, Stefan Kießling, Simon Rolfes, Stefan Reinartz – sie alle messen um oder über 190 Zentimeter Körperlänge. Geballte Kraft, die umgesetzt werden soll in Torgefahr.

    Der in Mannheim geborene Calhanoglu soll in der Zone vor dem Strafraum Lösungen finden, wahlweise den Pass, die Verlagerung oder den Abschluss. Bayer erhofft sich vor allen Dingen Torgefahr vom beidfüßig starken Mittelfeldspieler, dessen Schusstechnik bereits Gegenstand intensiver Analysen ist. „Der schießt wie ein Pferd“, entfuhr es dem Kollegen Gonzalo Castro (27), als Calhanoglu in einem Testspiel gegen Lokomotive Moskau ansatzlos aus 40 Metern das Tor anvisierte und den Torhüter in größte Kalamitäten brachte. In diesem Spiel hatte er bereits nach zwei Minuten mit einem raffinierten 20-Meter-Schuss die Führung erzielt. „Mit links“, so beobachtete Castro, „schießt er fast genauso gut, vor allen Dingen hat er nicht nur Kraft, sondern auch jede Menge Raffinesse im Schuss. Er schnibbelt richtig gut.“

    Dies und mehr soll er nun am Dienstag in Kopenhagen erstmals dem großen Publikum präsentieren. Ja, Hakan Calhanoglu hat endlich, was er wollte: Die Bühne Champions League – wenn zunächst auch erst noch die Treppe nach ganz oben überwunden werden muss.

    Für Bayer Leverkusen bedeuten die Qualifikationsspiele zur finanziell so ertragreichen Königsklasse weniger ein existenzielles Problem. Die Entwicklung des Kaders hängt nicht daran. Aber für das Binnenklima, für das Image und vor allen Dingen für den neuen Trainer Roger Schmidt käme das Scheitern gegen die Dänen einem Tiefschlag gleich. Noch muss er die Spieler davon überzeugen, dass die Art Fußball, für die er steht, ziemlich sicher Erfolg bringt. Es war nie Bestandteil ihrer fußballerischen Erziehung und steckt dementsprechend nicht in ihnen drin, dieses konstruktive Chaos zu verbreiten, das er auf dem Platz sehen will.

    Geduld ist also gefragt. Mit Hakan Calhanoglu, mit Bayer Leverkusen. Doch: Wer etwas verändern will, muss handeln. „Wenn du tust, was du immer getan hast, wirst du bekommen, was du immer bekommen hast“, sagte einst Abraham Lincoln. Wenn das nicht ein Argument ist, mal was anderes zu versuchen?!
    FRANK LUßEM

    Quelle: kicker-Printausgabe vom18.08.14

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    Reschke in Leverkusen
    Interessant ist in diesem Zusammenhang ein weiteres Detail, das Aufschluss über die Herkunft des Neuen geben könnte. Reschke, der in Zukunft maßgeblich an der Suche neuer Spieler beteiligt sein wird, hält sich derzeit in Leverkusen auf. "Er ist bei seiner Familie", gab Guardiola zu Protokoll. Gut möglich, dass er die Zeit gleich für Gespräche mit Leverkusener Verantwortlichen nutzt. Von 1979 bis 2014 war Reschke bei Bayer angestellt, zuletzt als Manager. Er kennt den Verein deshalb bestens.

    Bender: Ein möglicher Kandidat?
    Einen Spieler von Bayer Leverkusen hatten die Bayern nämlich bereits vor zwei Jahren im Visier: Lars Bender. Er würde hervorragend in das beschriebene Profil passen. Er ist international erfahren, 25 Jahre jung, kann in der Verteidigung wie im Mittelfeld, zentral oder rechts spielen und ist nach seiner Oberschenkelverletzung jetzt auch wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen. Außerdem ganz wichtig: Er wäre wohl für eine moderate Ablöse zu haben. Sein Marktwert beziffert sich aktuell auf 22 Millionen Euro. Schon in der Vergangenheit haben die Bayern häufig eher auf deutsche Nationalspieler aus der Bundesliga, als auf (vermeintliche) internationale Top-Transfers gesetzt. ...

    aus EIN NEUZUGANG GEGEN BAYERNS ANGST auf sport1.de

    Der letzte Teil der großen Team-Analyse: Fakten und Meinungen zu den sechs TOPKLUBS der vergangenen Saison. ...

    Leverkusen: Schmidt hat oft die Qual der Wahl
    Zum vierten Mal in Serie geht Bayer Leverkusen mit einer neuen Trainerkonstellation in eine Saison. Roger Schmidt soll für Kontinuität sorgen – auf möglichst hohem Niveau.

    KOMMEN & GEHEN
    Zwei namhafte Abgänge sind mit Sidney Sam (Schalke) und Emre Can (Liverpool) zu verzeichnen, allerdings auch zu verkraften. Jens Hegeler verließ den Klub Richtung Hertha BSC endgültig, auch Eren Derdiyok (Kasimpasa/Türkei) kam nicht für eine Weiterverpflichtung infrage, ebenso wenig Andres Guardado (zurück zum FC Valencia). Die Zugänge erregten durchaus Aufsehen, in erster Linie HSV-Juwel Hakan Calhanoglu (20), den Bayer sich 14,5 Millionen Euro kosten ließ. Von ihm wird eine Kultivierung des Spielstils, größere Möglichkeiten in der Offensive und bei Standards erwartet. Der aus Nürnberg für 6,9 Millionen Euro geholte Josip Drmic (22) soll Stefan Kießling die Last des allein verantwortlichen Torjägers nehmen, der Brasilianer Wendell (21, für 6,5 Millionen Euro von Gremio Porto Alegre) die linke Außenbahn mittelfristig auf internationales Niveau heben. Mit dem Schalker Kyriakos Papadopoulos (22, 1 Million Leihgebühr) hofft man, den Top-Innenverteidiger gefunden zu haben, der das Gebilde stabiler macht. Eine unbekannte Größe stellt der kostengünstige Ukrainer Vladlen Yurchenko (20, Schachtar Donezk, 250 000 Euro) dar, der in Testspielen allerdings überzeugte. Dies gelang auch Karim Bellarabi (24), der aus Braunschweig zurückkehrte und durchaus positiv auf sich aufmerksam machte.

    STÄRKEN & SCHWÄCHEN

    Der Kader ist sehr gut und breit aufgestellt, nur Lars Bender fehlt verletzungsbedingt. Schmidt wird häufig die Qual der Wahl haben. Ob Routiniers wie Kießling und Simon Rolfes oder Jungstars wie Julian Brandt und Levin Öztunali – Klasse ist vorhanden. Mittelfeld und Angriff gehören zum Besten. Probleme könnte es in der Defensive geben, wo sich zeigen muss, ob sich Giulio Donati rechts hinten weiterentwickelt, ob Wendell links durchstartet und ob Papadopoulos die Defizite in der Spielpraxis kompensieren kann und zu alter Stärke findet.

    TRAINER & UMFELD
    Schmidt vermittelt einen angenehm unaufgeregten Eindruck im Verfolgen seiner Ziele, die er deutlich formuliert. Er möchte etwas Neues in Leverkusen probieren, etwas, von dem er überzeugt ist und mit dem er die Macher überzeugte. Nun muss er die Spieler auf diesem Weg mitnehmen. Er ist sich des Risikos bewusst und lebt damit, weicht nicht von seiner Philosophie ab – das spricht für ihn. In Sportdirektor Rudi Völler steht ihm ein erfahrener Haudegen zur Seite, der sowohl die ruhige Hand als auch die dosierte Attacke beherrscht. Manager Jonas Boldt (32) gilt trotz seiner Jugend als gewiefter Verhandlungsführer, der von seinem Vorgänger Michael Reschke (57) eine Menge gelernt hat. Geschäftsführer Michael Schade versteht sich als oberste Instanz, redet der sportlichen Führung aber nicht ins Handwerk.

    FAZIT & PROGNOSE
    Bayer steht stabil und hat sich verstärkt. Platz vier ist erneut möglich. Wichtig wird es sein, gleich vom Start weg oben dranzubleiben, weil Unruhe einem neuen Trainer mit neuen Ideen und neuen Stars sicherlich mehr schaden kann als einem etablierten Coach, der bereits auf Erfolge in seiner Vita verweisen kann.
    FRANK LUßEM


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 14.08.14

    LEVERKUSEN: Routinier widerlegt Kritiker und steht ziemlich sicher in der Startelf

    Mit 43 Pflichtspieleinsätzen absolvierte Simon Rolfes in der vergangenen Saison die meisten aller Leverkusener Feldspieler. Wieder einmal. Seit er für Bayer spielt, seit 2005 also, war dies häufig so. Auch wenn er in den vergangenen Jahren immer mal wieder aus den Wunschteams verschwand – Simon Rolfes ist trotzdem immer da. Und wie!

    Er geht in seine zehnte Leverkusener Spielzeit, und weil Roger Schmidt keinen Anlass sah, auf dieser Position etwas zu ändern, in seine siebte Saison als Kapitän. Lars Bender und Ömer Toprak werden ihn im Bedarfsfalle vertreten, der aber wohl nicht so häufig eintritt, wie Rolfes-Kritiker dies gerne sähen.

    „Zu alt, zu langsam“ schimpfen sie in einschlägigen Foren über den Blondschopf. Der Routinier hört es sich an und macht einfach weiter. Wie seit Jahren. Es mutet fast an wie ein Anachronismus, dass ein Spieler, der mit den Jahren langsamer wird, in ein Spielkonzept passen soll, das auf Schnelligkeit basiert, deutlich mehr Tempo verspricht als dies zuletzt der Fall war. Auf den zweiten Blick wird es klarer: Dank seiner Erfahrung und seiner taktischen Intelligenz ist Rolfes ein Spieler, der für die Vorwärtsverteidigung prädestiniert scheint. Bayer will per Gegenpressing verhindern, dass der Gegner mit Tempo durch das Mittelfeld kommt. Dafür wäre der Kapitän in der Tat der falsche Widerpart. Je kürzer die Wege aber werden, kann er die Nachteile kompensieren dank Antizipationsvermögen, Stärken in der Balleroberung, Fähigkeiten im Aufbau und Zielstrebigkeit Richtung Tor. Es scheint, als kämen zu Rolfes’ 264 Bundesligaspielen ein paar dazu.

    Noch kein Spiel für Bayer absolvierte Christoph Kramer, dennoch ist seine Zukunft bei seinem Stammverein in aller Munde. Zwar ließ er im Express verlauten, er allein würde über das bestimmen, was passiert. Aber da gibt es ja den Vertrag, der in Leverkusen geschlossen wurde, bevor Kramer 2013 nach Gladbach ging. Und der läuft nach dieser Saison noch zwei Jahre. Eine komfortable Lage für den Klub. Kramers Worte darf man getrost als Aufforderung zum Nachbessern der Gehaltszahlen deuten. Was einem Weltmeister ja auch zusteht.
    FRANK LUßEM


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 14.08.14

    Bayers Torhüter hofft auf Bayern-Schwäche. Nach peinlichen Auftritten in der Champions League verlangt er jetzt Top-Leistungen
    Von Maximilian von Harsdorf

    Bernd Leno war acht Jahre alt, als Leverkusen 2000 die Deutsche Meisterschaft in letzter Sekunde gegen Unterhaching (0:2) vergeigte. Wenn es nach dem Torwart geht, ist dieses Trauma bald Vergangenheit: „In Leverkusen haben wir immer ganz besonders den Traum, Deutscher Meister zu werden“, sagt der Keeper: „Und klar, Bayern ist dem Rest der Liga voraus. Aber vielleicht lassen sie es ja am Anfang ein bisschen schleifen. Wir können auch ganz oben landen, wenn alles passt.“

    Und damit nicht genug! Nachdem Bayer zuletzt mit einem Trip nach Südkorea die Auslandsvermarktung ankurbelte, will Leno jetzt auf sportlichem Weg über die Grenzen für Aufsehen sorgen. „Wir müssen uns in dem Jahr nicht nur für die Champions League qualifizieren, sondern dort am besten auch gleich einen Top-Klub schlagen. Mal etwas schaffen, das nicht jeder von uns erwartet, das wäre der nächste Schritt“, sagt der 22-Jährige.

    Im vergangenen Jahr ging Bayer in der Gruppenphase mit 0:5 gegen Manchester und im Achtelfinal-Hinspiel gegen Paris St-Germain mit 0:4 unter. „So etwas darf nie wieder passieren. Wir müssen den Leuten jetzt wieder zeigen: ‚Hallo, hier sind wir.‘ Wenn man immer nur die Spiele gewinnt, die man gewinnen muss, kommt man nicht voran.“

    Das gilt auch für den ehrgeizigen Keeper – gerade in der Nationalmannschaft haben andere derzeit die Nase vorn.

    Für Leno unverständlich. „Da ist erst mal Neuer – aber hinter denen, die danach kommen, brauche ich mich nicht zu verstecken“, sagt er: „Vielleicht ist es in Leverkusen schwerer, sich im Gespräch zu halten?“

    Zum ersten richtungweisenden Duell geht es für Leverkusen am ersten Bundesliga-Spieltag beim BVB. „Ich sehe uns in der Bundesliga auf einer Stufe mit Dortmund und auch Schalke. Wir haben bereits in der vergangenen Saison gezeigt, dass wir den BVB schlagen können.“


    Quelle: SportBild-Printausgabe vom 13.08.14

    Hab´s mal hier in den Thread gestellt, wurde ja auch hier schon diskutiert ...

    Boss Rummenigge will junge deutsche Spieler. Brandt, Öztunali, Meyer und Co. stehen im Blickfeld
    Von Tobias Altschäffl, Axel Hesse und Florian Wichert

    Allein die Art und Weise, wie Karl-Heinz Rummenigge (58) das Wort aussprach, muss die Bundesliga-Konkurrenz beunruhigt haben. „Vollgas“ werden die Bayern künftig im Junioren-Bereich geben, erklärte der Bayern-Boss zum Abschluss der USA-Reise. Es klang nicht nur wie eine Drohung. Denn auch wenn der Kader der Profis wie kaum ein anderer in Europa bestückt ist, gibt es im Unterbau Nachholbedarf. Und dort wollen die Bayern nun eine Offensive starten.

    „Es hat mir nicht gefallen, dass kein Spieler von Bayern München dabei war“, sagt Rummenigge über die erfolgreiche U-19-Nationalmannschaft, die zuletzt in Ungarn Europameister wurde. Angesprochen auf die Youngster Julian Brandt (18) und Levin Öztunali (18), die beim Turnier überzeugten, erklärt der Vorstands-Vorsitzende gegenüber SPORT BILD: „Unter anderem deshalb haben wir Michael Reschke geholt. Damit in der Zukunft solche Spieler zu Bayern kommen.“

    Reschke (56) schloss sich vor der Saison nach 35 Jahren bei Bayer Leverkusen dem FC Bayern an. Er bekam den Posten des Technischen Direktors – und verfügt sowohl im Erwachsenen- als auch im Nachwuchsbereich über ein ausgezeichnetes Netzwerk. Er soll dafür sorgen, dass den Bayern künftig keine Top-Talente – egal welcher Altersstufe – mehr entgehen. Bezeichnend: Öztunali und Brandt spielen für Leverkusen. Sie kamen, als Reschke dort noch das Sagen hatte. „Um die beiden beneidet man uns in Europa“, erklärt Leverkusens Nachwuchs-Cheftrainer Sascha Lewandowski. Aktuell hat Öztunali einen Marktwert von 1,5 Mio. Euro, der von Brandt liegt bereits bei 5 Millionen.

    Die Bayern machen gar keinen Hehl daraus, dass sie die Jungstars gerne holen würden. „Wir hätten gerne Spieler wie Julian Brandt in unseren Reihen – und wir würden gerne einen Spieler wie ihn ausbilden“, meint Rummenigge: „Die Philosophie von Pep (Trainer Pep Guardiola; d. Red.) ist es, 18 Profis in der Mannschaft zu haben und dazu fünf, sechs junge Spieler wie jetzt Gianluca Gaudino oder Lucas Scholl.“ Rummenigges Ansage: „Wir werden bei der Ausbildung einen Zahn zulegen. Und auch mal zuschlagen, wenn ein guter Spieler auf dem Markt ist.“

    Sätze, die bei der Konkurrenz nicht gut ankommen. „Das Wichtigste für Jungs wie Julian Brandt und Levin Öztunali ist es zu spielen“, sagt Leverkusen-Torwart Bernd Leno. „Das werden sie hier, bei Bayern würden sie das nicht tun.“ Bayer-Boss Rudi Völler zur Offensive aus München: „Junge Spieler wie Brandt und Öztunali entscheiden sich bewusst für Bayer, weil sie wissen, dass sie sich hier gut entwickeln können.“

    Die Münchner orientieren sich bei der Nachwuchs-Attacke in zwei Richtungen: Zum einen sollen junge, entwicklungsfähige Spieler schon früh ins Internat geholt werden, um dort zu Spielern für die Profi-Mannschaft zu reifen, so wie aktuell Pierre-Emile Højbjerg, der mit 16 kam. Aber auch deutsche Top-Talente, die in anderen Vereinen den Durchbruch geschafft haben, sollen verpflichtet werden.

    Aktuell wird neben Brandt und Öztunali auch die Entwicklung von Schalkes Max Meyer (18) sowie nach wie vor der Weg von Nationalspieler Julian Draxler (20) verfolgt. Schalkes Sportvorstand Horst Heldt reagiert darauf (noch) gelassen. „Ich habe keine Bedenken. Der Spieler fühlt sich bei uns sehr wohl. Wir sind froh, dass er bei uns ist, und es gibt keine Anzeichen, dass eine der beiden Parteien daran etwas verändern möchte“, sagt er in Bezug auf Meyer. „Ich habe gesagt, dass Leon Goretzka unverkäuflich ist, das gilt selbstverständlich auch für Max Meyer.“

    Nur: Das Wort „unverkäuflich“ hat die Bayern noch nie gestört, wenn sie einen Spieler haben wollen ...


    Quelle: SportBild-Printausgabe vom 13.08.14

    STEFAN KIESSLING (30) in der Startelf? Logisch. Dahinter hat Bellarabi aktuell die Nase vorn vor dem Ex-Nürnberger.

    Auch am Samstag in Southampton wechselte Roger Schmidt wieder durch. Im letzten Test die Elf zu bringen, die man für das erste Pflichtspiel im Kopf hat, entspricht nicht dem Denken des Leverkusener Trainers. Ihm geht es offensichtlich darum, den Spielern eine andere Botschaft zu vermitteln. Und die könnte in etwa lauten: „Ab kommender Woche werden wir viele Spiele haben, hier kriegt jeder seine Chance!“

    Damit hält er die Spannung ebenso oben wie die Laune der Spieler, von Ausnahmen abgesehen. Philipp Wollscheid etwa sieht nur noch wenig Chancen, seinen aktuellen Status als Innenverteidiger Nummer vier zu verbessern und will verkauft werden. Wobei die zu erwartende Forderung der Leverkusener bei rund fünf Millionen Euro liegen dürfte, was den Deal nicht gerade erleichtert.

    Wollscheid ist tatsächlich ein Einzelfall, alle anderen Profis rechnen sich Möglichkeiten aus. Im einen oder anderen Fall dürfte sich dies freilich bis zum Ende der Transferperiode noch ändern. Robbie Kruse ist ebenso ein Ausleihkandidat wie der Südkoreaner Ryu. Deren Arbeitsbereich in der Offensive ist dermaßen gut bestückt, dass die Aussichten tatsächlich sehr gering sind, demnächst auch nur in den 18er-Kader zu rutschen.

    Vier Positionen hat der Trainer vorne zu vergeben, „es gibt viele Möglichkeiten“, räumt Schmidt ein. Dabei macht er klar, „dass die individuelle Qualität nicht allein entscheidet“. Bessere Chancen habe allemal der Spieler, „der sich komplett mit dem taktischen Gefüge identifiziert“.

    Auch ohne Ryu und Kruse bewerben sich mit Stefan Kießling, Josip Drmic, Julian Brandt, Heung-Min Son, Karim Bellarabi, Hakan Calhanoglu und Gonzalo Castro sieben Hochkaräter um vier freie Plätze in der Offensive. Hinter Stefan Kießling dürfte aktuell überraschend Bellarabi im Angriff die Nase vorne haben. Ginge es morgen los, säße Neuzugang Drmic möglicherweise nur auf der Bank.

    Der Trainer schaut sich den Konkurrenzkampf mit Begeisterung an, er will das Offensivspiel beleben, jeder Klassemann mehr im Kader hilft ihm dabei. Aktuell sieht er einen „Vorteil für die Spieler, die von Beginn der Vorbereitung an dabei sind“. Doch Schmidt sagt auch: „Eine Woche reicht schon, um die Situation zu verändern.“ Eine Trainingswoche bleibt bis zum Pokalspiel, danach geht es Schlag auf Schlag in Bundesliga und Champions League. Wo dann nicht mehr durchgewechselt werden darf.
    FRANK LUßEM


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 11.08.14

    EINWURF
    VON FRANK LUßEM
    Der kicker-Redakteur begleitet Bayer Leverkusen seit Beginn der 1980er Jahre in der Bundesliga.

    Rudi Völlers in der Vergangenheit von vielen Fans kritisierte Politik der ruhigen Hand wird sich möglicherweise in Zukunft zum großen Vorteil für Bayer Leverkusen erweisen. Dem Konstrukt, das während Sommerpause und Vorbereitung errichtet wurde und noch wird, drohen durchaus Probleme, es birgt neben vielen Chancen auch Risiken. Sollten die gleich zu Beginn zutage treten, ist es wichtig, wenn sich der Frontman in den Wind stellt, wenn er die Schläge abwehrt oder auch einsteckt.

    Roger Schmidt verlangt von seinen Profis nicht mehr und nicht weniger als eine komplett neue Einstellung zum Spiel: aggressiv, wach von der ersten Sekunde, Schluss mit Abwarten, Larifari und „Hacke, Spitze, eins, zwei, drei“. Oder wie es Bruno Labbadia, einer seiner vielen Vorgänger, ausgedrückt hätte: „Raus aus der Komfortzone!“

    Atemlos durch die Liga – so soll sich Bayer präsentieren, als „Borussia Dortmund reloaded“ quasi – ein Wahnsinn, wenn das hinhaut.

    Und ein mittleres Desaster, wenn nicht? Dass auch ein Jürgen Klopp einst beim BVB Zeit benötigte, um seine Mannschaft zum Meisterteam zu formen, ist heute längst vergessen. Schmidt ist von Beginn an zum Erfolg verdammt. Ab den Play-offs für die Champions League heißt das Programm: siegen, siegen, siegen!

    Dabei muss der Trainer nicht nur Fitness, Taktik und Ballfertigkeit einüben. So wichtig wie das Pressing wird die Einstellung der Profis zu ihrem Job sein. Schmidt wird moderieren müssen, er wird erklären müssen, warum dieser Nationalspieler heute und jener Nationalspieler morgen auf der Bank sitzen wird. Nicht ganz einfach angesichts eines Kaders, dessen Alphatierchen gerne im Verborgenen handeln.

    Die Qualifikation für die Königsklasse ist Pflicht, so lautet das Selbstverständnis in Leverkusen nach den Investitionen, die so hoch waren wie lange nicht. Sie ist sogar doppelt Pflicht: aktuell im August über die Play-off-Spiele, aber auch im kommenden Mai als eines der Spitzenteams der Liga. Man will nicht ducken vor Dortmund oder Schalke. Man will Wolfsburg und Mönchengladbach auf Distanz halten. Und langfristig auch den Zweitligisten Leipzig, den man als Gefahr erkannt und angenommen hat. Um die aktuelle und zukünftige Konkurrenz abzuwehren, braucht es Siege und Punkte. Für den Trainer bleibt zu hoffen, dass er die lange Vorbereitungszeit effektiv genutzt hat. Denn wenn es nicht so hinhaut wie erwünscht, reicht auf Dauer auch die ruhige Hand nicht mehr.


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 07.09.14

    Der Grieche KYRIAKOS PAPADOPOULOS (22) kommt auf Leihbasis zu Bayer. Hier spricht er über Leverkusen, über Schalke und über seine Verletzungen.

    Es sind knapp 90 Minuten, die Kyriakos Papadopoulos nach dem vereinbarten Termin erscheint. „Mach schnell, ich muss essen gehen“, sagt er zur Begrüßung und gibt so den Takt vor. Und macht klar: Das gesprochene Wort ist nicht sein Hobby, der Grieche ist offenbar ein Mann der Tat. Und an diesen Taten will er gemessen werden. Demnächst in Leverkusen, nachdem man ihn in Schalke nicht mehr ließ. Wofür sein Verständnis sogar noch kleiner ist als die Lust auf ein Interview.

    Wie ist Ihr erster Eindruck von Leverkusen? Ist Ihre neue Mannschaft stark genug, um Schalke und Dortmund zu schlagen?
    Klar können wir Schalke schlagen. Wir sind gut, das ist eine richtig gute Mannschaft hier. Der Trainer macht einen sehr guten Eindruck, wie auch der ganze Verein. Ich denke, wir haben eine gute Chance, vorne zu landen.

    Ihr Ex-Kollege Sidney Sam meinte, Schalke sei im Vergleich zu Bayer stärker besetzt. Glauben Sie das auch?
    Ich weiß, dass Schalke stark ist. Aber das ist Leverkusen auch. Ich freue mich auf jeden Fall, jetzt hier zu sein.

    Schalke-Manager Horst Heldt sagte, nicht Schalke hätte Sie abgeben wollen, Sie hätten unbedingt nach Leverkusen gewollt. Stimmt das?
    Sehen Sie, Roger Schmidt hat sich um mich bemüht, Rudi Völler hat sich um mich bemüht, Jonas Boldt genauso. Sie wollten mich, und zwar richtig. Das ist der Grund, warum ich nach Leverkusen wollte. Ich weiß nicht, warum ich in Schalke keine Chancen mehr bekam. Ich habe überhaupt keine Probleme mit dem Verein, ich komme gut mit allen aus, auch mit Horst Heldt. Sogar super.

    Und warum nicht mit Jens Keller? Fehlt ihm vielleicht das Vertrauen in Ihre Leistungsfähigkeit, weil er Sie nur als verletzten Spieler oder Rekonvaleszenten kannte?
    Ich weiß es nicht. Ich habe kein Problem mit ihm. Aber er vertraut mir nicht. Und deshalb bin ich jetzt hier.

    Sie hätten bereits vor vier Jahren aus Piräus nach Leverkusen wechseln können, warum ist der Wechsel damals nicht zustande gekommen?
    Es war eine Entscheidung für Schalke, keine gegen Leverkusen. Ganz einfach.

    Ihr neuer Trainer ist ein Verfechter des offensiven Verteidigens. Ihre Arbeit ist es, bereits im Mittelfeld anzugreifen, den Gegner weit weg vom Tor zu halten. Kommt Ihnen das entgegen?
    Wir alle müssen diese neue Spielweise lernen, diese Taktik aufnehmen. Ich bin sicher, dass wir das gut machen und es klappen wird, wenn es losgeht.

    Sie litten in den vergangenen zwei Jahren unter einer Menge Verletzungspech, absolvierten in dieser Zeit nur 14 Bundesligaspiele. Fehlt Ihnen die Praxis?

    Es stimmt, ich habe zu selten gespielt. Aber jetzt fühle ich mich gut, ich bin bereit.

    Ihre Fitness ist bei 100 Prozent?

    Ja, ich fühle mich absolut gut. Ich bin gut drauf.

    Wie wird sich Ihre Aufgabe von der beim FC Schalke unterscheiden?

    Es wird ein anderes Spiel. Da muss man sich schnell einfinden. Ich muss schnell lernen, was der Trainer will. Dann klappt das.

    Wie haben Sie die Weltmeisterschaft erlebt? Waren Sie traurig, dieses Erlebnis verpasst zu haben?

    Sicher war ich traurig. Aber ich konnte ja nichts dran ändern.

    Ist dies jetzt auch die Gelegenheit, sich wieder für die griechische Nationalelf zu empfehlen?

    Ganz klar.

    Mit Blickrichtung Europameisterschaft 2016?

    So weit denke ich nicht. Ich denke jetzt an Leverkusen, später an die Nationalmannschaft.

    Was ist Ihr Ziel in Leverkusen?
    Ganz wichtig ist, dass wir die Play-off-Spiele in der Champions League gewinnen. Dann sehen wir weiter.

    Trauen Sie Bayer zu, in der Liga den Bayern oder Dortmund Paroli bieten zu können?
    Das kann ich nicht sagen. Wir werden sehen, was kommt.

    Wissen Sie eigentlich noch, dass Sie in Leverkusen mal vom Platz geflogen sind?
    Ja, klar. Dann kann es doch nur noch besser werden.

    Sie waren Publikumsliebling auf Schalke. Wird das Wiedersehen in der Liga ein ganz besonderes Spiel für Sie?
    Nein, ich spiele jetzt für Leverkusen und gebe alles für diesen Verein. In jedem Spiel.

    Ihre Ausleihzeit beträgt eine Saison. Bleiben Sie möglicherweise länger in Leverkusen?

    Warum nicht? Mal schauen, was passiert.

    Spricht’s, steht auf, verabschiedet sich freundlich und geht ins Bistro der BayArena. Oben warten Vater und Bruder, die Familie schaut sich nach einer Wohnung im Rheinland um, möglicherweise steht für den Filius ein Umzug an, die Entscheidung darüber ist noch nicht endgültig gefallen. Gegen 14 Uhr steht schon der nächste Termin im Kalender, DFL-Schiedsrichter-Boss Hellmut Krug unterweist die Bayer-Profis in Regelkunde, zeigt exemplarische Beispiele, wie man sich verhalten darf und was man besser bleiben lassen sollte in der kommenden Saison. Für Kyriakos Papadopoulos sicher kein ganz unwichtiger Termin.
    INTERVIEW: FRANK LUßEM


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 07.08.14

    Es ist in etwa so wie früher mit dem Taschengeld. Zunächst gab es jede Woche einen Fünfer, irgendwann aber schoben die Eltern am Monats-Ersten einen Zwanziger rüber und sagten: „Sieh zu, wie du damit über den Monat klarkommst.“ Es gab also nicht mehr, aber man musste lernen, sich das Geld einzuteilen.

    So ähnlich erging es vor dieser Saison den Machern der Bayer Leverkusen Fußball GmbH. Statt der jährlich etwa 25 Millionen Euro bekamen sie in diesem Sommer rund 75 Millionen zur Verfügung gestellt – 50 Millionen extra – jedoch im Vorgriff auf die kommenden zwei Jahre. Während viele Beobachter laut „Alarm“ riefen und den Bayer-Teufel an die Transfer-Wand malten, blieb man in Leverkusen verhältnismaßig ruhig.

    Ob es – auch eingedenk des 14,5-Millionen-Transfers von Hakan Calhanoglu – dies gebraucht hätte, ist strittig. Denn die Zuwendungen der Konzernmutter machen für den Bundesligisten in etwa nur
    noch ein Drittel des Umsatzes aus. Wo man früher am Tropf der AG hing, erwirtschaftet die GmbH heute fast 70 Millionen Euro aus der TV-Vermarktung und der Champions-League-Teilnahme. Dazu kamen Überschüsse aus dem Transfergeschäft, mal mehr, mal weniger, aber immer so viel, dass das nötige Kleingeld für Schmuckstücke wie André Schürrle, Heung-Min Son oder aktuell Hakan Calhanoglu da war.

    Natürlich fließt ohnehin alles in einen von der Bayer AG kontrollierte Topf, die ja 100 Prozent an der Fußball-Tochter hält. Dennoch zeigen die Zahlen: Was in Leverkusen passiert, ist nur noch bedingt vergleichbar mit Wolfsburg oder gar Leipzig und Traditionsklubs wie dem Hamburger SV und Hertha BSC Berlin, die sich mittlerweile gerne Investoren hingeben, sicherlich einen Tausch mit dem einstmals ungeliebten „Konzernklub“ nicht rundweg ablehnen würden.

    Doch: Wie lange geht es gut? Um den aktuellen Status zu erhalten, ist Bayer zum Erfolg verdammt. Die knapp 30 Millionen Euro, die nun investiert wurden, bilden eine neue Obergrenze, und damit tut man sich bei der Bayer AG nur dann wirklich leicht, wenn der sportliche Erfolg dauerhaft anhält. Dieser definiert sich natürlich nicht über Titel (wenngleich der lächerliche Begriff „Vizekusen“ intern auf dem Index steht), aber die regelmäßige Teilnahme an der Champions League sollte es dann doch schon sein.

    Nur dank dieser garantierten Einnahmen ist es möglich, auch weiterhin Top-Spieler wie Lars Bender, Josip Drmic, Bernd Leno oder Hakan Calhanoglu langfristig zu halten und nicht beim ersten Lockruf verkaufen zu müssen. Brechen diese Gelder weg, geht es schnell ans Eingemachte, die Spirale nach unten setzt sich in Bewegung.

    Deshalb heißt die Losung für die Saison: Direkt in die Spitze! Erfolg muss her, ohne schädliche Umwege, die Negativschlagzeilen provozieren und leistungsschädliche teaminterne Verwerfungen nach sich ziehen. Der Kader, mit dem Roger Schmidt diesen Auftrag erfüllen will, kann sich sehen lassen. Rudi Völler, der in sein 20. Leverkusener Jahr geht, erkennt in dieser Ansammlung von Routiniers, Nationalspielern und Top-Talenten „den in der Breite besten Kader, den wir je hatten“.

    Auf jeden Fall lässt er dem Trainer in Mittelfeld und Angriff jede Menge Möglichkeiten. Etablierte Spieler wie Lars Bender (wird zum Start fehlen), Gonzalo Castro, Stefan Reinartz oder Simon Rolfes bilden hier den Defensivblock, Stefan Kießling führt die Offensive an, Josip Drmic will ebenso spielen wie Heung-Min Son oder Julian Brandt. Karim Bellarabi ließ in der Vorbereitung aufhorchen, für Robbie Kruse bleibt wohl nur eine Ausleihe. In der Defensive ist der Trainer mehr denn je auf den Ernstfall angewiesen. Die Verpflichtung von Kyriakos Papadopoulos zeigt, dass Schmidt mit den Innenverteidigern nicht wirklich zufrieden war. Ob es nun besser klappt, ob Ömer Toprak und „Papa“ ihn überzeugen – das werden erst die Pflichtspiele zeigen. Doch Vorsicht: Bereits im zweiten geht es um die Champions League. Und da geht es um mehr als Taschengeld.
    FRANK LUßEM

    SCHMIDT
    Der Enthusiastische
    Er verlangt „Mut und Dynamik“, er will „ins Risiko gehen“ und „taktisches Gespür“ bei seinen Spielern fördern und von ihnen fordern. Roger Schmidt geht die Aufgabe Bundesliga mit einem Enthusiasmus an, der viele Menschen bei Bayer begeistert, auch Altgediente ziehen den Hut vor ihm, weil er im Gegensatz zum einen oder anderen Vorgänger dieses Unterfangen nicht mit Arroganz oder Dienstbeflissenheit paart. Der Ex-Paderborner bleibt gleichbleibend freundlich, zeigt Interesse am Gesprächspartner, Wichtigtuerei scheint ihm fremd.
    Gute Voraussetzungen, gerade in Leverkusen, in einem Verein, der viel familiärer ist, als die Kritiker meinen. Über das Fußballerische hinaus muss er Geschick in der Moderation entwickeln, Grüppchenbildung im Keim ersticken und lernen, mit Rückschlägen umzugehen. Denn: Gute Trainer gab es viele in der Liga. Richtig weit gekommen sind am Ende aber nur die, die auch souverän waren.

    BRANDT UND ÖZTUNALI
    Die Hoffnungsträger
    Sie sind beide 18 Jahre alt, aber spätestens seit dem EM-Sieg der deutschen U 19 in der vergangenen Woche keine „normalen“ Nachwuchsspieler mehr. Julian Brandt und Levin Öztunali sind nun Hoffnungsträger – das sind die, die es in Deutschland besonders schwer haben, wird doch eine stetige Leistungssteigerung quasi vorausgesetzt. Da 18-Jährige dies nicht garantieren können, achtet man bei Bayer und in den Familien der Jungprofis genau auf eine halbwegs normale Entwicklung. Bisher mit Erfolg. Brandt wird zugetraut, seinen Weg der Vorsaison fortzusetzen. Öztunali gilt als ernsthafter Kandidat für den Posten des Rechtsverteidigers. Der Enkel von Uwe Seeler bestand im Mai sein Abitur, konzentriert sich nun voll auf Fußball. Beiden werden Fortschritte zugetraut, deren Ende nicht absehbar sind. Umsetzen müssen das die Hoffnungsträger auf dem Platz.

    CALHANOGLU
    Der Raffinierte
    Nur wenige Spieler der Bundesliga werden an den ersten Spieltagen der neuen Saison so unter kritischer Beobachtung stehen wie Hakan Calhanoglu. Der 20-Jährige wird seinen Wechsel vom HSV zu Bayer und die damit verbundenen Verwerfungen und zweifelhaften Aktionen noch einige Male um die Ohren gehauen bekommen, damit muss er leben, dazu trugen er und seine Berater ihren Teil bei. Wenn sich allerdings bestätigt, was sich in der Vorbereitung andeutete, kann diese Kritik schnell der Bewunderung für einen tollen Fußballer weichen.
    Calhanoglu scheint in das Leverkusener Team zu passen wie geschnitzt, der Fußball, den Roger Schmidt spielen lassen möchte, ist dem jungen Türken auf den Leib geschneidert. Einen wie ihn – der ein Spiel lenken kann, der die überraschenden Momente draufhat, der Freistöße raffiniert verwandelt und Eckbälle maßgerecht serviert – hatten sie in Leverkusen seit Bernd Schneider nicht mehr. So oder so – alles ist möglich.


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 07.08.14