Als RUDI VÖLLER (54) 1994 von Marseille nach Leverkusen wechselt, ist er davon überzeugt, dass er nach einem Jahr die Karriere beenden und nach Rom ziehen wird, in die Heimat seiner Frau Sabrina. Nun sind es 20 Jahre geworden. Ein persönlicher Rückblick, aufgezeichnet von Frank Lußem.
28. August 1994: „Auf der Ersatzbank wartete ich auf meinen ersten Einsatz für Bayer Leverkusen. Nach 73 Minuten war es so weit, ich kam für Ulf Kirsten, wir führten 3:0 gegen die Frankfurter Eintracht. Am Ende stand es 4:0, in letzter Minute gelang mir ein Kopfballtor. Es war ein toller Abend, ein gelungenes Comeback und der Auftakt für zwei aufregende Jahrzehnte – was ich damals aber nicht wusste.“
18. Mai 1996: „Mein letztes Bundesligaspiel war mein dramatischstes. Und das Foto, auf dem ich meinen Weltmeister-Kumpel Andy Brehme tröste, wurde eines der berühmtesten der Liga-Geschichte. Durch das 1:1 gegen den FCK hielten wir die Klasse. Ich war erleichtert, aber Andy tat mir nur noch leid.“
21. Mai 1996: „Der Klassenerhalt war umso wichtiger, weil wir drei Tage später in der ausverkauften Bay-Arena meinen Abschied vom aktiven Fußball feierten. Es wurde ein tolles Fest mit vielen Freunden, Udo Jürgens sang, die Nationalmannschaft kam komplett, viele machten durch bis in den Morgen. Geschadet hat es keinem: Ein paar Wochen später wurden die Jungs in London Europameister.“
3. September 1996: „Mein Wechsel ins Management war längst besprochene Sache. Schon im Urlaub ging es los, Reiner Calmund hielt mich täglich auf dem Laufenden, was die Verpflichtung eines neuen Trainers betraf. Eigentlich hatte ich ja erst mal abschalten wollen nach der Zitter-Saison. Aber Calli kannte schon damals keine Pause. Ich habe vom ersten Tag an viel von ihm gelernt.“
25. September 1996: „Mein neuer Arbeitsplatz. Hatte ich vorher den Blick vom Rasen auf die Tribüne, musste ich mich jetzt an die neue Perspektive gewöhnen.
Es fiel mir leichter, als ich dachte. Auch, weil ich direkt in der Bay-Arena ein wunderschönes Büro mit einem großen Panoramafenster bezog. Ich hatte den Rasen immer vor Augen. Bis heute übrigens.“
7. Mai 1997: „Mit diesem Menschen verbrachte ich in dieser Zeit deutlich mehr Zeit als mit meiner Frau und meinen Kindern. Reiner Calmund – mit dem ich hier zusammen bei einem Benefizspiel bin – war ein Hansdampf in allen Gassen. Aber für den Manager-Nachwuchs mit Andreas Rettig, Michael Reschke, Ilja Kaenzig und mir war Calli Gold wert. Er gab uns immer das Gefühl, gleichwertiger Partner zu sein. Auch wenn er am Ende ein Ding alleine durchzog – er betonte immer unseren Anteil.“
2. Juli 2000: „Nach dem frühen Aus der deutschen Mannschaft bei der EURO 2000 und dem Rücktritt von Erich Ribbeck sollte Christoph Daum Bundestrainer werden. Da er noch bis 2001 an Bayer Leverkusen gebunden war, wurde ich während einer dramatischen Sitzung in Köln als Teamchef ausgeguckt. Bayer stellte mich frei, ich sagte zu. Was sollte denn in den paar Monaten schon groß schiefgehen?“
9. November 2000: „Nach dem dramatischen Abschied von Christoph Daum im Oktober 2000 übernahm ich – obwohl schon seit einem Vierteljahr DFB-Teamchef – vorübergehend den Trainerposten in Leverkusen. In sieben Spielen kassierten wir keine Niederlage. Calli wollte mich überreden, die Doppelfunktion beizubehalten. Aber ich konnte ihm das ausreden, es wäre zu Interessenkonflikten gekommen. In der Praxis hätte das nicht geklappt. Im November kam Berti Vogts, der die Mannschaft zwischenzeitlich auf Platz eins führte, am Ende der Saison aber gehen musste.“
24. März 2001: „Während meiner Zeit als Sportdirektor in Leverkusen hatte ich Michael Skibbe, damals Trainer in Dortmund, kennen und schätzen gelernt. Ich war froh, als er mein Assistent wurde. Hier warten wir auf den Anpfiff des WM-Qualifikationsspiels gegen Albanien in der Bay-Arena. Ein historisches Spiel: Miroslav Klose kam erstmals zum Einsatz, erzielte sein erstes Tor für Deutschland.“
30. Juni 2002: „Meine Gratulation an den großen Ronaldo nach dem WM-Finale in Yokohama. So traurig die Niederlage war: Wir spielten eine überragende WM. Wir waren ohne große Ambitionen nach Asien gefahren und kamen als Finalist zurück. Unsere beste Leistung zeigten wir gegen die Brasilianer, trotz des 0:2. Neben Oli Kahn waren es übrigens Spieler aus Leverkusen, die unser Spiel prägten: Ballack, Schneider, Ramelow, Neuville.“
20. November 2002: „Dieses Ruudi hat mich durch meine Karriere begleitet. Es ist schön, wenn man gefeiert wird. Besser als umgekehrt. Aber ein bisschen unangenehm war mir das auch immer. Das Foto entstand beim Länderspiel gegen die Niederlande. Wir verloren auf Schalke 1:3. Es muss also ziemlich früh aufgenommen worden sein.“
17. Mai 2003: „Als Teamchef überreichte ich dem Deutschen Meister 2003 die Schale. Damals war der FC Bayern dran, ein Jahr später durfte ich sie Frank Baumann, Kapitän meines Ex-Klubs Werder Bremen, in die Hände drücken. Nur zu gerne hätte ich sie während meiner Amtszeit an Bayer Leverkusen übergeben. Aber 2002 scheiterte das Team um Klaus Toppmöller haarscharf.“
1. September 2004: „Nach dem Vorrunden-Aus bei der EURO 2004 zog ich die Konsequenzen und trat zurück. Ich wollte nur noch Urlaub, möglichst lange. Es gab viele Angebote, ich lehnte alle ab. Die Bitte des AS Rom aber konnte ich nicht abschlagen, Cesare Prandellis Frau war erkrankt, er brauchte eine Pause. Das erste Spiel gewannen wir noch mit 1:0 gegen Florenz. Danach schlugen die alten Probleme voll durch. Und so trat ich nach ein paar Wochen wieder zurück. Mir war egal, was die Leute dachten. Es ging nicht.“
18. Januar 2005: „Ich war ja nie richtig weg aus Leverkusen, auch als Teamchef hatte ich mein Büro in der Bay-Arena. Und selbst als Trainer in Rom spielte ich in der Champions League gegen Bayer. So begann im Januar 2005 meine zweite Amtszeit in Leverkusen. Mit Wolfgang Holzhäuser und Michael Reschke machte ich mich an die Arbeit, trotz geringerer Zuwendungen sportlich möglichst erfolgreich zu sein. Ich denke, es ist uns ganz gut gelungen.“
14. Juli 2010: „Jupp Heynckes und ich hatten viel vor mit Michael Ballack, der 2010 zurückkehrte. Verletzungen machten ihm häufig einen Strich durch die Rechnung. Es lief nicht wie erhofft, aber besser als beschrieben.“
1. April 2012: „Nachdem wir uns von Robin Dutt trennen mussten, übernahm mit Sascha Lewandowski und Sami Hyypiä ein Duo die Mannschaft. Die beiden machten ihre Sache sensationell und führten Bayer in die Champions League. Das Wechselspiel danach war den Umständen geschuldet. Immerhin: Die Königsklasse ist wieder drin.“
30. Juni 2014: „Mit Roger Schmidt als neuem Trainer erhoffen wir uns alle frischen Wind – Rückschläge inbegriffen. Ich denke, wir sind gut aufgestellt und können zuversichtlich in die Zukunft schauen. Ein Jahr wollte ich 1994 bleiben, dann noch eins dranhängen, weil es so gut lief. Und plötzlich waren es dann 20 Jahre. Wie der Mensch sich irren kann.“
Quelle: kicker-Printausgabe vom 25.08.14
PS: Fotos dazu sind natürlich nicht möglich