Lachend quittierte SAMI HYYPIÄ den 3:1-Sieg gegen den VfL Wolfsburg. Ob er auch am Dienstag in Manchester etwas zu lachen hat?
Der Signalton, der die Spieler im „Old Trafford“ kurz vor Spielbeginn in die Katakomben befiehlt, war schon verklungen. Die „Reds“ auf der einen und die „Red Devils“ auf der anderen Seite warteten darauf, den Rasen des „Theatre of Dreams“ zu entern an diesem nasskalten 14. März 2009. Da schaute Liverpools Trainer Rafael Benitez kurz zu Sami Hyypiä und gab ihm das Zeichen: „Du spielst!“
Unverhofft kommt oft! Alvaro Arbeloas Oberschenkelverletzung spülte Hyypiä kurzfristig in die Mannschaft, in seiner letzten Saison für den FC Liverpool sollte es – was zu diesem Zeitpunkt niemand wusste – das letzte Spiel über 90 Minuten für „The Big Finn“ werden. Für den Mann, der längst in die Historie des ruhmreichen Klubs aus der Stadt der Beatles eingegangen war. Was dann kam, damit hatte niemand rechnen können: „Es wurde eines meiner besten Spiele“, erinnert sich der Trainer von Bayer Leverkusen. Der Nachmittag geriet zum Triumph für Hyypiä und Liverpool: 4:1 stand es am Ende für die Gäste, geschockte ManUnited-Fans applaudierten dem Gegner, den eigenen Anhängern standen Tränen der Rührung in den Augen.
Ein Sieg in Old Trafford? Utopie für Bayer Leverkusen? Einer weiß, wie’s geht: Sami Tuomas Hyypiä. Als Spieler des FC Liverpool ging er fünfmal jubelnd vom Rasen des legendären Stadions, dessen Bedeutung er nicht kleinreden will: „Es ist etwas Spezielles. United ist ein großer Klub mit einem großen Team.“ Aber, Bange machen gilt nicht: „Die Spieler werden nicht beim Aufwärmen auf dem Platz stehen und mit großen Augen auf die Tribünen schauen. Sie kennen diese Atmosphäre. Das Stadion in Dortmund ist größer!“
Als eines von „vielleicht 45 oder mehr Spielen in dieser Saison“ bezeichnet er Leverkusens Auftaktpartie der diesjährigen Champions League. Er gibt sich Mühe, Respekt und Selbstbewusstsein in ein gesundes Mischungsverhältnis zu setzen. Großmäuligkeit ist ihm so fremd wie Bayer ein Titel, im ganzen Satz klingt dies dann so: „Ich würde nie sagen, wir gewinnen diese Gruppe. Aber ich verspreche, dass wir unser Bestes tun, um so viele Punkte wie möglich zu holen. Und dann sehen wir, wo wir am Ende stehen.“
Vizekusen – würde die Mannschaft in dieser Gruppe ihren patentierten Nickname mit Leben erfüllen, in Leverkusen wären sie glücklich. International zu überwintern ist das Ziel, aber die Auslosung birgt Gefahren und Stolpersteine. „Aus dem vierten Topf Real Sociedad zu bekommen, das ist unglücklich“, sagt Hyypiä. Und Donezk sei ohnehin unangenehm, gespickt mit Brasilianern, „insgesamt ist es eine sehr schwere Gruppe“. Um diese Spiele erfolgreich bewältigen zu können, impft Hyypiä mit seinem Team den Spielern Tag für Tag, Training für Training, Besprechung für Besprechung immer wieder ein: „Konzentriert euch auf dem Platz!“
Konzentration – das Lieblingswort des Trainers Sami Hyypiä. „Fußball spielen können sie alle“, sagt er, „aber ohne Konzentration erreichst du nichts. Die meisten Spiele werden im Kopf entschieden, ganze Karrieren entscheiden sich über die Konzentration.“
Manchmal denkt Hyypiä, er würde seine Profis zu oft daran erinnern, dass sie sich in höchstem Maße konzentrieren müssen. Dann aber wieder sieht er hinten am Trainerhorizont die Idealvorstellung: „Stell dir vor, jeder Spieler ist in jedem Training, in jedem Spiel, zu einhundert Prozent konzentriert. Dann muss ich nicht mehr motivieren, nicht mehr mahnen.“ Trainer-Träume.
Die Realität sieht anders aus, er musste es zuletzt erfahren, als seine Mannschaft saft- und kraftlos Aufbauhilfe für einen angeschlagenen FC Schalke leistete. Mit dieser Leistung hatte er nicht gerechnet, sie demonstrierte ihm, was passiert, wenn man eben nicht konzentriert ist. Hyypiä, der ruhige und bedächtige Hüne, entwickelt Temperament bei seinem Plädoyer für die richtige Einstellung: „Wenn du immer alles gibst, ob gegen Lippstadt, Braunschweig, Schalke oder Manchester United, dann kannst du alles gewinnen, dann hast du eine Chance, etwas zu erreichen.“ Als es am Samstag gegen Wolfsburg den Anschein hatte, dass es wieder in die falsche Richtung geht, nutzte Hyypiä mit seinem Trainerteam die Pause, um Korrekturen vorzunehmen. „Wir haben in der Halbzeit darüber geredet, was nicht läuft. Es hat geholfen“, resümierte Innenverteidiger Philipp Wollscheid, „plötzlich war wieder Zug in den Aktionen, viel mehr Konzentration.“
Die Bereitschaft, dem Erfolg während der 90 Minuten alles zu opfern, was Körper und Kopf zu geben in der Lage sind, die fordert Hyypiä ein. Ansonsten fordert er nichts. Keine Einkäufe, keine Titel. Mit dem Klubziel „internationaler Wettbewerb“ kann er leben: „Das ist total realistisch.“
Einer seiner Vorgänger, der heutige Bremer Trainer Robin Dutt, kam einst nach Leverkusen und sprach von der Meisterschaft. Es dauerte keine zwei Monate und ein paar herbe Enttäuschungen, da musste er dieses Ziel schon korrigieren. Nicht öffentlich, dies machten die Medien für ihn. Er musste es – viel schlimmer – intern korrigieren, seiner Mannschaft gegenüber. Eine bittere Niederlage, ein großer Vertrauensverlust und der Anfang vom Ende für diesen Trainer auf dieser Station.
In diese Situation will Hyypiä nicht geraten. Deshalb erwähnt er die eigenen Stärken, warnt jedoch im gleichen Atemzug vor dem Gegner, vor den Konsequenzen unprofessioneller Einstellung. Wer nun will, kann ihn als typischen Vertreter der „Sowohl als auch“-Fraktion abtun – doch alles, was er sagt, ist ihm wirklich ernst. Schon alleine, weil ein Sami Hyypiä nicht verdächtig ist, zu reden um des Redens willen. Er schweigt ohnehin lieber.
Eines aber verrät er dann doch noch. Es gab ja beileibe nicht nur große Siege in Old Trafford, er habe da auch oft verloren. Und, viel schlimmer noch: „Ich habe gegen Manchester United die einzige Rote Karte meiner ganzen Karriere gesehen.“ Da war er wohl einen Moment unkonzentriert.
FRANK LUßEM
Quelle: kicker-Printausgabe vom 16.09.13