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    Hoffnungslos unterlegen war BAYER LEVERKUSEN gegen Bayern. Und dennoch: Am nächsten Spieltag könnte das Team für eine Nacht auf Platz eins springen.

    Wenn Bayer Leverkusen am übernächsten Freitag mit dem Spiel in Hoffenheim den neunten Spieltag eröffnet, dann liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die Truppe von Sami Hyypiä als Tabellenführer der Bundesliga übernachtet, bei 90 Prozent! In bislang zehn Bundesligaspielen gegen die TSG Hoffenheim ging die „Werkself“ neunmal als Sieger vom Platz, mit einem erneuten Dreier würde man die Bayern und Dortmund unter Zugzwang setzen. Sami Hyypiä im Glück!

    Ein Szenario, das verblüfft. Denn am Samstag sahen die Leverkusener nach vielem aus – nur nicht nach einem möglichen Tabellenführer. Über weite Strecken der Partie erlebten sie eine unfassbare Lehrstunde, die es so in der Bundesliga lange nicht mehr gegeben hatte. Dieser FC Bayern stellte einen Klassenunterschied her, dank der eigenen Klasse natürlich. Aber auch, weil Bayer sich rund 70 Minuten präsentierte, wie man sich im Spitzenkampf nicht präsentieren darf. Der Versuch, die Leistung hinterher am Ergebnis schöner zu reden, ist legitim. Weil auch das Empfinden auf dem Rasen ein anderes ist als das auf der Tribüne. Dennoch wird man bei der Analyse nicht umhinkommen sich einzugestehen, dass in vielen Phasen so gut wie alles fehlte – außer Glück! Die Innenverteidiger bolzten die Bälle blind nach vorne, das Mittelfeld fand nie Kontakt zu den Gegenspielern. Torwart Bernd Leno hatte die meisten Ballkontakte (56), ein Stefan Reinartz etwa, der im Ligaschnitt bislang auf 57 Ballkontakte pro Spiel kam, war ganze 20-mal an der Kugel (und lief dabei über 12 Kilometer), ähnlich erging es Spielern wie Lars Bender oder Sebastian Boenisch, die normalerweise von ihrer Präsenz leben, am Samstag aber häufig erstarrten wie die Ölgötzen. Und dennoch: Leno und Sidney Sam ließen erträglich erscheinen, was eigentlich nicht zu ertragen war und tunlichst nicht wiederholt werden sollte.

    Doch alle Kritik am Auftritt gegen die Bayern kann nicht überdecken, dass sich Bayer Leverkusen zu einem Team gemausert hat, das durchaus Ansprüche stellen darf, auch mal eine Nacht an der Spitze von Größerem zu träumen. Die Bilanz der Spiele mit Sami Hyypiä (und bis vor dieser Saison Sascha Lewandowski) an der Linie liest sich respektabel: In 48 Partien nach der Trennung von Robin Dutt holte Bayer 98 Punkte. Nur fünf weniger als Borussia Dortmund. Was Auftritte wie den gegen die Bayern eigentlich noch unverständlicher erscheinen lässt.
    F.L.


    Quelle: kicker -Printausgabe vom 07.10.13

    Wie das ist, wenn Kindheitsträume wahr werden, erfuhr Leverkusens Mittelfeldspieler JENS HEGELER (25) in der Königsklasse. Mit einem Schuss ins Glück.

    Es ist diese Hymne, die auch Jens Hegeler fesselt. Wie so viele Fußballer, die nicht sagen, wie gerne sie mal in der Champions League spielen möchten. Sondern: „Ich will diese Hymne hören!“

    Das Stück des britischen Komponisten Tony Britten, frei nach Händels „Königshymnen“, vermittelt den Profis offenbar das besondere Gefühl, an einem Auserwählten-Wettbewerb teilnehmen zu dürfen. In Manchester erlebte es Hegeler auf der Tribüne, trotz Verletzung reiste er vor zwei Wochen nach England, „ich wollte mir das nicht entgehen lassen“. Am Mittwoch kam er der Sache ein Stück näher, stand vor der Bank, als die Kollegen auf dem Spielfeld berieselt wurden. „Und irgendwann“, sagt er, „will ich das Ding hören, wenn ich auf dem Rasen stehe.“ Versprechen kann es Hegeler niemand. Fest aber steht: Am Mittwoch sicherte er sich einen Platz in der Historie von Bayer Leverkusen. Mit einem Schuss ins Glück in der Nachspielzeit, mit einem Freistoß „Marke David Beckham“ katapultierte sich der sonstige Nebendarsteller ins Rampenlicht der Königsklasse.

    „Kick it like Beckham“ – dass er zu diesen Kunstschüssen in der Lage ist, war bekannt. Dass er sie nicht häufiger zeigen kann, liegt in der Ansicht der Trainer begründet, sie hätten es bei dem Sportmanagement-Studenten mit dem idealen Ergänzungsspieler zu tun. So absolvierte er für Bayer 34 Bundesligaspiele, nur fünf davon allerdings begann er auch. Zuletzt verhinderte ein Muskelfaserriss einen Einsatz, seine Champions-League-Premiere dauerte auch deshalb nur acht Minuten. Aber die hatten es in sich: „Es war wie ein Kindheitstraum: reinkommen und den entscheidenden Schuss setzen. Das ist Wahnsinn!“

    Auch am Tag nach dem Spiel geriet der eher nüchterne Hegeler noch ins Schwärmen. Und lachte sich schier weg über die Diskussion vor dem Freistoß: „Stefan wollte ihn an den langen Pfosten haben. Da stand er mit Ömer, Wolle, Simon und Lars.“ Kießling ergänzt: „Einer von uns hätte ihn sicher reingemacht!“ Hegeler erledigte es selbst. Mit einem Schuss ins Glück. Das trotzdem erst vollkommen wird, wenn er endlich mal diese Hymne auf dem Rasen hören kann.


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 04.10.13

    Salah und Stocker

    Der Blick geht in die Zukunft, bei aller Freude über die aktuellen Erfolge. Doch gedanklich bewegen sich Manager Michael Reschke und Chefscout Jonas Boldt mit ihren Mitarbeitern bereits in der kommenden Saison. Wer nicht mittels Sky scouten kann wie die betuchten Bayern, der muss sich eben früh und flink bewegen. Am Dienstag taten die Leverkusener dies, beobachteten Akteure des FC Basel im Duell mit dem FC Schalke. Es kann als sicher angesehen werden, dass Flügelspieler Mohamed Salah (21, Vertrag bis 2016) in Augenschein genommen wurde, auch Valentin Stocker (24) steht auf der Liste der interessanten Spieler. Möglicherweise erübrigt sich die Suche nach einer Alternative für die Offensivflügel aber auch. Dann nämlich, wenn der FC Chelsea den Belgier Kevin de Bruyne im Winter doch noch freigibt. Er war bereits im Sommer Objekt der Begierde und spielt aktuell selten.


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 04.10.13

    LEVERKUSEN: Boenisch und Hilbert wackeln

    Es gab nicht wenige unter jenen Fußball-Fans, die sich für das Schicksal von Bayer Leverkusen interessieren, die am Mittwoch in der 60. Minute schon einen Schritt weiter dachten. Gerade hatte Sebastian Boenisch mittels eines schrecklichen Stellungsfehlers auf der linken Abwehrseite San Sebastians Angreifer Carlos Vela eine hochprozentige Torchance ermöglicht, die Bernd Leno nur dank einer starken Fußabwehr vereitelte. Der Gedanke, der da garantiert einer Menge Menschen durch den Kopf schoss: „Wie geht das aus, wenn ihm das am Samstag gegen Arjen Robben oder Franck Ribery passiert?“

    Bayer drückt ein großes Problem. Die Besetzung der defensiven Außenbahnen ist nicht optimal, und das rächt sich auf höchstem Niveau. Erinnerungen wurden am Mittwoch wach an die Partie gegen Manchester United, als Luis Valencia mit dem viel zu zögerlich agierenden Boenisch machte, was er wollte.

    Auch hinten rechts hat Roberto Hilbert noch nicht das Maß gefunden zwischen sinnvollen Vorstößen und Harakiri-Fußball. Was gegen Mainz oder Hannover reicht, rächt sich auf höchster Ebene meist bitter und behindert das Aufbauspiel, weil die Sechser Rolfes (links) und Bender (rechts) immer wieder gezwungen sind, für die Außenverteidiger in die Deckungsarbeit einzuspringen.

    Sami Hyypiäs angeborene Zurückhaltung lässt es nicht zu, einen Tag vor einem Spiel Personalien zu diskutieren. Der Finne (der während der Länderspielpause im Rahmen seiner Trainerausbildung eine Hospitanz beim englischen Nationalteam absolviert) sagt aber deutlich: „Wir brauchen Frische in der Mannschaft.“

    Möglicherweise wird der in der Defensive etwas stärkere Guilio Donati am Samstag Franck Ribery beackern, Arjen Robben bekommt es eventuell mit seinem ehemaligen Kollegen Emre Can zu tun. Der Neuzugang überzeugte beim Pokalspiel in Bielefeld hinten links, fällt nach jeder Einwechslung positiv auf. Seine Robustheit besticht ebenso wie seine selbstbewusste Körpersprache. Behauptungswille wird gegen die Bayern gefragt sein – wenn das Stellungsspiel noch stimmt, kann solch eine Partie durchaus mal die Chance auf den Durchbruch erhöhen.

    Auch in der Offensive könnte es zu Wechseln kommen. Heung-Min Son entwickelt sich zwar, wirkte zuletzt aber etwas überspielt. Die Wege, die er nach hinten gehen muss, kosten ebenso Kraft wie die Vielzahl der Zweikämpfe. Möglicherweise bekommt Jens Hegeler eine Chance von Beginn an. Dies würde auch die neue Bayer-Stärke beleben: Tore nach Standards. Von den 17 Bundesligatreffern fielen sechs nach ruhenden Bällen, gegen San Sebastian alle beide. Sidney Sam etwa entwickelte sich hier zum unentbehrlichen Vorlagengeber, Jens Hegeler entzückte mit seinem Freistoß am Mittwoch alle Bayer-Fans. Davon können andere Kollegen momentan nur träumen.


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 04.10.13

    EINWURF VON ULF KIRSTEN
    Der Ex-Nationalspieler über die Chancen von Bayer Leverkusen gegen die Bayern

    Schaut man sich das Spiel der Bayern in Manchester und direkt danach die Partie von Bayer Leverkusen gegen San Sebastian an, dann kann es über den Ausgang des Bundesliga-Spitzenspiels am Samstag keine zwei Meinungen geben: Die Bayern sind nicht nur haushoher Favorit, sie sind aktuell unschlagbar. Die beiden Spielfilme sprechen eine deutliche Sprache. Hier die souveränen und dominanten Bayern gegen die Millionärstruppe aus Manchester, da die bemühten, später hektischen und ganz spät glücklichen Leverkusener gegen das No-Name-Team aus San Sebastian.

    Aber: So funktioniert Fußball nicht! Dass die Bayern überragend spielen können, dass der Kader zwei Top-Mannschaften hergibt – all das ist eine Binsenweisheit. Aber unschlagbar? Nein, das gibt es nicht!

    Bayer kann dagegenhalten. Zwei der letzten drei Spiele gegen den Rekordmeister hat mein Ex-Klub gewonnen. In Leverkusen gab es ohnehin immer relativ enge Spiele. Wir haben historische Siege gefeiert, ich erinnere mich an ein 4:2 mit zehn Mann nach Rot für Christian Wörns und 0:2-Rückstand. Damals erzielte ich drei Tore. Auch 5:2 haben wir mal gewonnen – es war zu Zeiten, als die Bayern genauso die beherrschende Mannschaft in der Bundesliga waren wie heute.

    Wie kann man ihr Spiel stören und zerstören? Vorsicht ist angebracht, aber sie darf nicht in Angst umschlagen. Man muss gegen diese Bayern die eigene Chance suchen, sie wahren und wenn möglich nutzen. Es wird nicht viele Chancen geben, aber sie werden garantiert kommen.

    Was man auf keinen Fall machen darf, ist, die einzelnen Mannschaftsteile und Spieler zu vergleichen. Das bringt überhaupt nichts. Die Bayern sind überall besser besetzt als jeder Bundesliga-Konkurrent, egal wer spielt. Am Samstag geht es für Bayer nur über die Mannschaft. Wenn das Team stärker ist als die Summe der Einzelspieler, dann kannst du die Bayern stoppen.

    Noch ein paar Sätze zu Stefan Kießling und dem schon längst überflüssigen Palaver um seine Nominierung: Joachim Löw entscheidet über die Besetzung seines Aufgebots. Wenn er aufgrund seiner Philosophie keinen Platz für Stefan sieht, dann ist das ganz bitter. Weil der in den Kader gehört und seine Chancen längst verdient hätte.

    Aber mit diesen nervigen Diskussionen muss endlich Schluss sein. Torjäger sind sensibel, sie brauchen Ruhe und Vertrauen. Ständige Debatten nerven, sie stören die Konzentration. Und das kann nur schaden.


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 04.10.13

    In Leverkusen wissen sie selbst nicht, wie stark sie sind. SAMI HYYPIÄ (39) aber weiß, was am Samstag zählt.

    Die realistische Einschätzung einer Situation gehörte schon immer zu den Stärken des Fußballprofis Stefan Reinartz. Knochentrocken wie sein Spiel beschreiben seine Kommentare meist treffend den Ist-Zustand, selten verschwendet der Leverkusener Sechser seine Worte unnötig. So beschreibt er am Vorabend des Spiels gegen die Bayern die Lage so: „Am Samstag können wir gucken, ob wir tendenziell nach hinten blicken müssen oder ob wir vorne dieses Dreierduell off enhalten können.“

    Der Vergleich der Leistungen beider Teams in den Spielen vom Mittwoch ist nicht zulässig. Bayer ist nicht so schwach, wie sich die Mannschaft phasenweise nach der Pause präsentierte. Doch ist Bayer so stark, wie es der Tabellenplatz in der Bundesliga aussagt? Super-Bayer gegen die Super-Super-Bayern? Kann die Mannschaft von Trainer Sami Hyypiä diesem Team Paroli bieten? „Ja“, sagt der Finne, „wenn wir auf jeder Position 100 Prozent für das Team bringen.“ Aber er weiß auch: „Es klappt nicht, wenn wir Fehler machen wie am Mittwoch nach der Pause.“

    Eigentlich hatte Hyypiä am Donnerstag den Stress seines ersten Heimspiels als Trainer in der Champions League auf seiner Moto-Cross-Maschine verarbeiten wollen. Der Feiertag ließ es nicht zu: „Alle Anlagen sind überlaufen“, so Hyypiä, der eingestand: „Ich war nach dem Schlusspfiff mental sehr müde! Es wäre die perfekte Ablenkung gewesen.“

    Ohne diese beginnt also an diesem Freitag die heiße Phase der Vorbereitung auf den Gipfel, dennoch sind körperliche und geistige Fitness gerade gegen den Triple-Sieger gefragt. Anleihen bei den Teams, die in dieser Saison bereits gegen die Bayern spielten, nimmt sich Hyypiä nicht: „Im Fußball gilt: Es zählt immer nur die Form vom Spieltag.“ So ist beispielsweise das 1:1 der Freiburger gegen den Rekordmeister für ihn ein Muster ohne Wert: „Weil die Bayern heute viel stärker sind als damals.“

    Kapitän Simon Rolfes versucht den Druck vom Kessel zu nehmen und gibt dem Kind einen Namen: „Hannover und San Sebastian waren Pflichtsiege. Bayern ist eine Zugabe. Wir freuen uns auf ein Spiel auf ganz hohem Niveau.“

    Abwarten! Das Niveau bestimmen ohnehin die Bayern, positiv wie negativ. Entweder weil sie unerreichbar stark sind oder eben ungeahnte Schwächen zeigen, an denen sich der Gegner dann aufrichtet. Darüber wird sich entscheiden, ob Bayer demnächst nach hinten blicken muss oder im Rennen bleibt.
    FRANK LUSSEM


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 04.10.13

    LEVERKUSEN: Castro und Hegeler im Training

    Wie sein Spiel, so die Aussage. Stefan Reinartz ist ein Freund klarer Aktionen und klarer Worte. Deshalb sagt er, unabhängig davon, wie der Gegner heißt, was Spiele für Bayer problematisch macht: „Wir haben gezeigt, dass wir, wenn wir nicht bei hundert Prozent sind, das nötige Level nicht erreichen und dann was auf die Nase kriegen. Wenn wir alles aus uns rausholen, dann wird es schwer für jeden Gegner.“

    Das gilt auch für Real Sociedad San Sebastian: „Es ist nicht Barca“, sagt Reinartz, „das wissen wir. Aber wir wissen auch, dass sie eine sehr gute Rückrunde gespielt haben in der vergangenen Saison und ab und zu auch mal ein Feuerwerk abbrennen konnten, gerade auswärts haben sie geglänzt.“

    Da trifft es sich gut, dass Bayer aktuell defensiv gut steht. Egal welche Formation Sami Hyypiä aufbietet, die Abstimmung ist gut, die Zusammenarbeit mit den drei Mittelfeldspielern gestaltet sich zunehmend effektiver, der Spielaufbau beginnt früh und auch die Spanier sollen das schnelle Umschaltspiel über Sam und Son zu spüren bekommen. So soll der dringend nötige Heimsieg eingefahren werden, natürlich steht Bayer nach der Auftaktpleite in Manchester unter Druck.

    Nationalspieler Lars Bender, der am Samstag zur Halbzeit raus musste, erlitt eine Stauchung am Sprunggelenk, sollte aber bis zum Mittwoch fit sein. Wieder im Mannschaftstraining sind Jens Hegeler und Gonzalo Castro. Die beiden vielseitigen Mittelfeldspieler stehen möglicherweise im Kader, für die Startelf dürfte es allerdings noch zu früh sein für das Duo.
    F. LUßEM


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 30.09.13

    Bayer bleibt oben dran, weil einer plötzlich mächtig durchstartet: SIDNEY SAM (25).

    Es war eines der Tore, die man nur schießt, wenn man vollgepumpt ist mit Selbstvertrauen, wenn man weiß: „Das Ding geht rein!“ Sidney Sam wusste es, als er seinen linken Fuß abwinkelte und den Ball per Außenrist an Ron-Robert Zieler vorbeizirkelte: „Schön, oder?“, fragte der Nationalspieler nach der Partie und lachte, widersprechen wollte ihm keiner. Schön war das Tor und wichtig obendrein.

    So wie auch Sam wichtiger denn je ist für Bayer Leverkusen. Längst ist der 25-Jährige nicht mehr nur der Flügelstürmer, der von der Kalklinie aus von rechts nach innen zieht und mit links aufs Tor schießt. Nein, behutsam hat sich da eine Wandlung ergeben. Deutlich zentraler agiert er, macht taktisch clever Platz für die Außenverteidiger, hat das Kurzpassspiel verinnerlicht, sieht die Lücken für Ball und Lauf und ist im Ergebnis mittlerweile top als Vollstrecker und Vorbereiter: Fünf Tore und vier Assists stehen zu Buche, mit neun Scorerpunkten verbucht er nach sieben Spieltagen einen weniger als nach seinen 22 Spielen der gesamten Vorsaison. Und: Seitdem der kicker die Vorarbeiten erfasst (1988/89) brachte es noch kein Bayer-Profi nach sieben Spielen auf diesen Wert.

    Wie aufgedreht präsentiert sich Sam, der mittlerweile nicht mehr nur die paar Quadratmeter um sich herum im Blick hat. Immer wieder glänzt er durch Übersicht, Spielverlagerungen und kluges Laufspiel, dribbelt nur noch, wenn es nötig ist. Seine Gefühlslage beschreibt der Nationalspieler dementsprechend: „Es macht Spaß, ich bin fit und fühle mich gut.“

    So einfach kann das also sein, wie momentan vieles einfach erscheint in Leverkusen. Die Profis haben begriffen, dass es nur über die Rotation laufen kann, Sami Hyypiä dreht den Kader mal auf links, dann wieder auf rechts und bislang erntet er Erfolg damit: „Ich kenne das Risiko, aber ich nehme es auf meine Kappe“, sagt der durch nichts aus der Ruhe zu bringende Finne, der Bayer als Trainer mit 18 Punkten nach sieben Runden einen neuen Startrekord bescherte. Dieser belegt freilich auch nur, wie schwer es ist, nach oben zu gelangen: Noch nie in der Liga-Historie gab es drei Mannschaften, die sechs der ersten sieben Spiele gewinnen konnten. Noch nie gab es wahrscheinlich auch einen Trainer, der so glaubhaft versicherte, dass ihn das einen feuchten Kehricht interessiert.

    Wie bereits der Profi, ist auch der Trainer Sami Hyypiä voll und ganz auf das nächste Spiel fokussiert. Die Partie gegen die Bayern am kommenden Samstag spielt noch keine Rolle in seinem Kopf, ebenso wenig die Platzierung: „Entscheidend ist doch, wo wir im Mai stehen.“
    F.L.


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 30.09.13

    Klose verletzt, Gomez verletzt – doch Bundestrainer Joachim Löw windet sich noch immer, STEFAN KIESSLING (29) zurückzuholen.

    Am Dienstag und Mittwoch versammelt Joachim Löw in Düsseldorf seine engsten Mitarbeiter zur Klausurtagung, um sich auf die letzten beiden WM-Qualifikationsspiele am 11. Oktober gegen Irland und vier Tage später in Solna gegen Schweden vorzubereiten. Eine Kernfrage, die der Bundestrainer bei der Kaderplanung mit seinem Assistenten Hansi Flick, Torwarttrainer Andreas Köpke und Chefscout Urs Siegenthaler erörtern muss, lautet: Ist nach den Verletzungen der Stürmer Miroslav Klose (OP nach Nervenreizung im Mittelfuß) und Mario Gomez (Innenbandteilriss im Knie) die Not im Angriff tatsächlich schon so groß, dass er Stefan Kießling nach mehr als dreijähriger Verbannung wieder aus der DFB-Abstellkammer hervorkramen soll? Soll er tatsächlich über seinen Schatten springen und jenen Mann zurückholen, den er seit der WM 2010 in Südafrika hartnäckig ignoriert und ihm damit auch sein grundsätzliches Misstrauen ausgesprochen hat?

    Löw in der Kießling-Falle: Eine klare und unmissverständliche Antwort blieb der Bundestrainer wie so oft in dieser Frage schuldig, ließ am Sonntag in der ARD-Sportschau lediglich verklausuliert durchblicken, dass er eine Rückhol-Aktion des Leverkuseners nach wie vor für nicht notwendig erachtet. „Ich kann nicht verstehen, dass von einem Stürmerproblem die Rede ist“, sagte er stattdessen, betonte angesprochen auf Kießling, dieser habe in der Vergangenheit lediglich in der Bundesliga sehr gute Leistungen gezeigt. Als Alternativen für Klose und Gomez nannte er stattdessen neben dem Gladbacher Max Kruse den U-21-Kapitän Kevin Volland.

    „Ich werde demnächst ein Gespräch mit ihm führen“, kündigte Löw in Bezug auf Kießling an, „dann wird man sehen.“ Hätte er diese klärende Unterredung schon vor ein, zwei Jahren in Angriff genommen, wäre in dieser Personalie allen Beteiligten eine leidige, lästige und schier endlose Hängepartie erspart worden.

    Die endgültige Auflösung seiner Kader-Planspiele gibt es am Freitag, wenn Löw sein Aufgebot per DFB-Pressemitteilung bekanntgeben wird. Bei objektiver Betrachtungsweise ist ein erneuter Verzicht auf Kießling sportlich kaum mehr nachvollziehbar, zumal es sich um Pflicht- und nicht um Experimentierspiele handelt und zur sicheren WM-Teilnahme noch ein Punktgewinn nötig ist. Dabei allein auf den erst in drei Länderspielen erprobten Kruse zu setzen, könnte Löw im Falle des Misserfolges als Vabanquespiel ausgelegt werden. Weitere gelernte Sturm-Alternativen bietet der aktuelle Kader nicht. Löws Hoffnung, Klose könnte sich schneller als veranschlagt wieder voll einsatzbereit melden, ist äußerst vage. Und der von ihm ins Gespräch gebrachte Volland entfaltet seine Stärken nicht als klassischer Stoßstürmer.

    Dem von Löw seit etwa einem Jahr immer wieder thematisierten Alternativplan, mit einer „falschen Neun“ an vorderster Font zu operieren, mangelt es derzeit an Substanz. Denn Mario Götze, der am ehesten für diesen Part geeignet scheint und ihn vor zehn Monaten beim 0:0 in den Niederlanden auch übernommen hatte, fehlen nach insgesamt über fünfmonatiger Verletzungspause Rhythmus und Spielpraxis. Vielmehr stellt sich bei dem Neu-Münchner deshalb die Frage, ob im Hinblick auf die WM ein vernünftiger Aufbau im Verein nicht mehr Sinn ergibt als eine jetzige Berufung in die Nationalmannschaft. Mesut Özil trat im Februar gegen Frankreich (2:1) nach der Auswechslung von Mario Gomez in der letzten halben Stunde an vorderster Front an, doch erscheint er dort ebenso wie Thomas Müller eher nur als Notbesetzung. Und Marco Reus, den der Bundestrainer gleichfalls tauglich fürs Sturmzentrum hält, hat bislang nicht den Nachweis erbringen können, dass er für diese Rolle tatsächlich geeignet ist.

    Am Mittwoch will sich Löw beim Champions-League-Auftritt der Leverkusener gegen Real San Sebastian vor Ort ein Bild von Kießlings Durchsetzungsvermögen gegen internationale Konkurrenz machen, zuvor schaut er sich mit seinen Vertrauten auch die Partie Dortmund gegen Marseille an. Improvisieren muss Löw allerdings nicht nur im Angriff , sondern nach dem Ausfall von Marcel Schmelzer (Muskelfaserriss im Oberschenkel) zusätzlich auf der Linksverteidiger-Position. Auch dort mangelt es dem Bundestrainer an Alternativen.
    OLIVER HARTMANN


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 30.09.13

    LEVERKUSEN: Mit einem Sieg will Bayer sich ein Polster verschaffen

    Man kann es drehen und wenden wie man will – wenn Bayer Leverkusen am Samstag Hannover 96 in der Bay-Arena empfängt, dann steigt dort das Spitzenspiel des 7. Spieltages: Der Dritte empfängt den Vierten, es geht darum, dem Duo aus Dortmund und München auf den Fersen zu bleiben.

    Als Bayer in die Saison ging, wurde intern zunächst folgendes Ziel formuliert: Bis zum Beginn der englischen Wochen wollte man in der Liga ein Polster schaffen auf die Ränge, die jenseit von Platz sechs liegen. Dieses Unterfangen ist geglückt: Sechs Zähler Vorsprung auf Wolfsburg sprechen eine deutliche Sprache. Mehr noch: Wird Hannover am Samstag bezwungen, beträgt der Vorsprung auf Platz vier bereits sechs Zähler – einen solch komfortablen Abstand zu diesem frühen Zeitpunkt einer Saison besaß Bayer noch nie auf einen Rang, der nicht zur direkten Teilnahme an der Champions League berechtigt. Im Hinblick auf das Spiel gleich nach Hannover käme diese Konstellation ganz gut, dann erwartet Bayer Leverkusen die Bayern. Und damit einen Gegner, gegen den man drei Punkte nicht von vorneherein einkalkulieren darf – seit 2004 glückte ein einziger Heimsieg gegen den Rekordmeister, am 3. März 2012 mit 2:0.

    Zukunftsmusik! Aktuell bastelt Trainer Sami Hyypiä an der Mannschaft. Immerhin verfügt er seit Dienstag über eine weitere Möglichkeit. Neuzugang Emre Can entpuppte sich als brauchbare Alternative hinten links. Ausgerechnet in Bielefeld kam er dort zum Einsatz, ausgerechnet für Sebastian Boenisch, der in der vergangenen Saison verpflichtet wurde, als auf der Alm Daniel Schwaab in den Krankenstand gefoult wurde. Der personelle Notstand machte seinerzeit eine Nachverpflichtung nötig. Seitdem besaß Boenisch dank couragierter Leistung nahezu ein „Monopol“ auf die Linksverteidiger-Position, zumal Konkurrent Michal Kadlec nach Istanbul verkauft wurde und Neuzugang Kostas Stafylidis noch nicht als Alternative gelten kann. Zuletzt aber schwächelte er, griff häufig viel zu spät an, ließ das defensive Timing vermissen. Nun also durfte Can ran: „Ich denke, das war in Ordnung“, so der 19-Jährige nach dem Pokalspiel. War es – als Belohnung winkt eine neue Chance am Samstag.
    FRANK LUßEM


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 26.09.13

    Sami Hyypiä rotiert, LEVERKUSEN siegt trotzdem souverän. Und bleibt dran an den Titelfavoriten.

    Stefan Kießling bemühte sich sofort, den Ball flach zu halten. Rekord hin, Rekord her: Der Leverkusener Torjäger, der mit einem sehenswerten Flugkopfball zum 4:0 getroffen hatte, wollte daraus keinesfalls ableiten, dass Bayer in diesem Jahr etwa ein Titelkandidat sein könnte. „Es sind gerade mal sechs Spiele absolviert“, sagte der 29-Jährige. Auch Lars Bender bezeichnete die neue Bestmarke lediglich als „nette Randnotiz“.

    Dennoch: Leise, toll und heimlich hat sich das Team von Trainer Sami Hyypiä direkt hinter den beiden Titelfavoriten aus Dortmund und München eingerichtet und untermauert seine Position als dritte Kraft im deutschen Fußball. In Mainz jedenfalls lieferte Bayer vor allem in der ersten Halbzeit einen sehr souveränen Auftritt ab, „ab der 20. Minute haben wir sehr gut gespielt“, lobte Hyypiä.

    Wichtig war allen Beteiligten, dass die Mannschaft nach dem 2:4 am vergangenen Mittwoch zum Champions-League-Auftakt in Manchester „eine Reaktion gezeigt“ (Ömer Toprak) hatte. Auch Hyypiä filterte das als wesentlichen Aspekt heraus: „Wir hatten die richtige Einstellung. Alle waren bereit für die Bundesliga.“ Wo Bayer in der Vergangenheit nach Niederlagen gerne mal mental eingebrochen war, haben Kapitän Simon Rolfes und Kollegen in dieser Spielzeit auf die beiden Rückschläge – neben Manchester noch in der Liga bei Schalke 04 (0:2) – die passende Antwort gegeben. Kießling findet, dass „der Dämpfer auf Schalke vielleicht auch zur richtigen Zeit kam“.

    Doch nicht nur mental hat Bayer Fortschritte erzielt. Die Maßnahme, im Sommer den Kader primär in der Breite zu verstärken, fruchtet. In Mainz konnte Hyypiä für Giulio Donati einen gestandenen Mann wie Roberto Hilbert als Rechtsverteidiger ins Rennen schicken. Den in Manchester indisponierten Heung-Min Son ließ der Coach auf der Bank, dessen Stellvertreter Robbie Kruse avancierte zum Mann des Tages. Und war „echt glücklich. Hoffentlich habe ich dem Trainer mehr Optionen gegeben“. In der Innenverteidigung wiederum blieb Emir Spahic draußen, der bisher dort die Konstante gewesen war und in allen Pflichtspielen in der Startelf gestanden hatte. „Es ist bemerkenswert zu sehen, dass wir in der Bundesliga ohne Qualitätsverlust rotieren können“, sagt der scheidende Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser.

    Am Dienstag im Pokal bei Arminia Bielefeld dürfte Hyypiä erneut rotieren. Lars Bender erwartet, dass es beim Zweitligaaufsteiger „wieder eklig wird. Davor sind wir gewarnt“. In der vergangenen Saison hatte Leverkusen – ebenfalls in der 2. Runde – beim damaligen Drittligisten erhebliche Mühe und siegte erst in der Verlängerung mit 3:2.


    Info
    Bayers bester Start Zum ersten Mal seit dem Aufstieg in die Bundesliga 1979 gelangen Bayer in den ersten sechs Saisonspielen fünf Siege; die Leverkusener legten somit ihren besten Start aller Zeiten hin. Mit dem 4:1 in Mainz übersprangen sie mit nunmehr 1801 Punkten gleichzeitig die 1800er- Marke – als elfter Bundesligist überhaupt. Es führt unangefochten der FC Bayern mit 3202 Punkten.


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 23.09.13

    LEVERKUSEN: Castro fällt aus – Kießling selbstbewusst

    Die schlechten Nachrichten rissen nicht ab für Sami Hyypiä vor dem Spiel in Manchester. An der Spitze der „Top 3 der unwillkommenen News“ stand der Muskelfaserriss, der Gonzalo Castro für die nächsten zwei Wochen zur Tatenlosigkeit verurteilt. Gefolgt von Jens Hegelers Muskelproblemen und Lars Benders noch nicht völlig ausgeheilter Hüftverletzung, die einen Einsatz von Beginn an zu riskant erscheinen ließ.

    Immerhin: Der Nationalspieler griff nach seiner Einwechslung beherzt in das Geschehen ein und dürfte am Samstag in Mainz wieder in der Startelf stehen. Möglicherweise neben Emre Can. Der Neuzugang aus München feierte in Manchester sein Pflichtspiel-Debüt für die Werkself und überzeugte nach Anlaufschwierigkeiten mit klaren Bällen, konsequenter Zweikampfführung und guter Körpersprache. Can präsentierte sich auf jeden Fall als ernstzunehmende Alternative für die Partie in Mainz.

    Eine Partie, in der „es darum geht, oben dranzubleiben“. So formuliert Torjäger Stefan Kießling das Ziel. Eine Pleite ist ebenso wenig einkalkuliert wie ein psychischer Knacks nach der Niederlage von Manchester: „Das ist ein anderer Wettbewerb“, sagt Kießling, „das Spiel war insgesamt nicht gut und eher untypisch für uns. In Mainz wird es anders aussehen und ich bin so selbstbewusst, dass ich sage, wir können da gewinnen.“

    Selbstverständlich ist dies übrigens nicht, wie die Statistik zeigt: Mainz ist einer der Gegner, gegen die Bayer eine negative Bilanz hat. In bislang 14 Spielen gegeneinander gab es sechs Siege der Rheinhessen, drei Unentschieden und lediglich fünf Bayer-Erfolge. Der letzte Sieg in Mainz datiert vom März 2011, Renato Augusto traf damals zum 1:0.
    FRANK LUßEM


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 19.09.13

    Der Start misslang. LEVERKUSEN machte in Manchester viel falsch. Und wurde beim ersten Gegentor krass benachteiligt.

    Fehler machen ist das eine, Opfer zu werden von Fehlern anderer ist das nächste. Bayer bekam in Manchester die volle Dröhnung: Tollpatschige Abwehrversuche wurden gnadenlos bestraft, dazu kam ein in seiner Wahrnehmung derart gestörter Torrichter, der die Hausherren mit einem Treffer bedachte, der nie hätte zählen dürfen. Rudi Völler: „Diese Fehler darf man sich nicht erlauben. Nicht wir – aber auch nicht die Schiedsrichter!“

    Der Auftakt in die Champions-League-Saison schmeckte keinem Leverkusener. „Wenn du hier punkten willst, dann darf es nicht so gegen dich laufen“, lamentierte Kapitän Simon Rolfes, der ebenfalls – aber nicht nur – das Schiedsrichterteam in die Kritik mit einbezog.

    Die Abordnung aus Slowenien hatte ihren Teil zur Pleite beigetragen. Wer in Manchester zurückliegt, bekommt eben Probleme. Doch die Leverkusener selbst bekamen auch deutlich die Grenzen ihrer Belastbarkeit aufgezeigt. Zwar sagte Stefan Reinartz: „Wenn wir das spielen, was wir können, dann holen wir was.“ Aber zieht man die alte Weisheit heran, die besagt, dass man immer nur so gut ist, wie der Gegner es zulässt, dann bleibt: Für Teams wie Manchester United reicht es aktuell nicht.

    Bayer am Dienstag, das bedeutete zu häufig: langsamer, hektischer, fehlerhafter Spielaufbau. Kein effektives Gegenpressing nach Ballverlust, zu wenig Gegenwehr auf den Flügeln. Eine zu tief stehende Abwehr. Außenverteidiger, deren Aktionen zu oft im Ansatz steckenblieben. Außenstürmer, die ihre Stärken nur selten einsetzen konnten. Abwehrfehler, die zunahmen, je aggressiver Rooney, van Persie und Valencia kamen. Und ein Stefan Kießling, der zwischen Rio Ferdinand und Nemanja Vidic zeitweise verschwand. „Wir müssen uns an die eigene Nase fassen“, riet Stefan Reinartz, „wir wollten den Ball laufen lassen, haben es aber zu langsam gemacht und uns totgespielt.“

    Die Rasanz, mit der Manchester United seine Attacken mitunter vortrug, schien Bayer zu verwirren und verunsichern. Anders lassen sich die individuellen Fehler gestandener Spieler wie Bernd Leno, Ömer Toprak, Sebastian Boenisch und Emir Spahic nicht erklären. Wenn Rooney loslegte, schien man den Windhauch noch auf der Tribüne zu spüren. Und wenn die Leverkusener sagen, es sei mehr möglich gewesen in Old Trafford, dann sollte man nicht vergessen, dass sowohl Rooney als auch Robin van Persie jeweils vor dem leeren Tor unglaubliche Chancen vergaben.

    Nah an der schonungslosen Realität bewegte sich Simon Rolfes mit dieser Einschätzung: „Vier Gegentore, das ist international zu viel. Damit kannst du nichts holen. Das muss uns gegen San Sebastian eine Lehre sein.“ Die Analyse wird aufdecken, dass es von dem einen etwas zu wenig war und vom anderen etwas zu viel: zu wenig Genauigkeit, Cleverness, Konzentration, Geschwindigkeit. Zu viel Respekt, Nervosität, Pech.
    F. Lußem


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 19.09.13

    LEVERKUSEN: Die Hüftverletzung des Nationalspielers bereitet seit zwei Wochen Probleme

    Mit an Bord wird Lars Bender sein, wenn Bayer Leverkusen am heutigen Montagmorgen vom Flughafen Köln/Bonn nach Manchester fliegt. Ob der Nationalspieler im „Old Trafford“ auch spielen wird, steht noch in den Sternen. Denn die Hüftverletzung, die ihn schon die beiden WM-Qualifikationsspiele und den Einsatz am Samstag gegen Wolfsburg kostete, erweist sich als fortgesetzt hartnäckig. Die Tatsache, dass Bender seit rund zwei Wochen nicht mehr konsequent trainieren konnte, macht die Annahme, dass er am Dienstag nicht in der Startformation stehen wird, fast zur Gewissheit.

    Doch so wichtig Bender für das Spiel der Werkself auch ist, großes Kopfzerbrechen bereitet die eventuelle Zwangspause Sami Hyypiä nicht. Denn Simon Rolfes, der am Samstag ins Team rutschte, machte seine Sache gewohnt ordentlich. Mehr noch: Der Kapitän bereitete die Führung durch Sidney Sam mit einem feinen Pass vor und verhinderte das 2:1 für Wolfsburg, als er nach Luiz Gustavos Lattentreff er in der 42. Minute so beherzt gegen den einschussbereiten Koreaner Koo zur Sache ging, dass dessen Schuss ins Toraus ging.

    Es war nach dem Pokalspiel in Lippstadt der erste Pflichtspieleinsatz von Beginn an in dieser Saison für Rolfes. Anmerken konnte man ihm dies nicht: „Ich habe immer so trainiert, als würde ich spielen. Und die nötige Fitness kam über zusätzliche Einheiten mit Holger Broich.“ Der Leverkusener Konditionstrainer gilt als Spezialist für Trainingssteuerung, arbeitete Programme aus für die Profis, die in den ersten Wochen der Saison nicht so häufig zum Einsatz kamen. Wertvolle Detailarbeit, wie das Beispiel Rolfes zeigt.

    Am Dienstag will er das nächste Ausrufezeichen setzen, gegen eine Mannschaft, die er zwar „nicht als Top-Favorit auf den Titel, aber als Favorit in unserer Gruppe“ sieht. Die interne Rechnung der Leverkusener dürfte so aussehen, dass ein Punkt in Manchester ein Bonus wäre. Das erklärte Ziel: „In der Champions League die Gruppenphase zu überstehen, das hat einen unglaublichen Wert“, sagt Rolfes. Worauf sie dabei nicht bauen, ist, von Manchester unterschätzt zu werden. „Dazu“, sagt Stefan Kießling, „ist diese Mannschaft leider viel zu erfahren.“
    FRANK LUßEM


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 16.09.13

    LEVERKUSEN: Wollscheid macht seine Sache im ersten Einsatz gut

    Es war einer dieser Momente, in denen du zwei Möglichkeiten hast. „Entweder gehe ich raus zur Eckfahne und warte auf den Schlusspfiff oder ich haue ihn drauf und hoffe, dass es passt“, beschreibt Stefan Kießling die Situation, die zum 3:1 für Leverkusen führte, kurz vor dem Ende, einem „perfekten Ende“, wie Kießling es empfand, der zugab: „Das bin ja nicht unbedingt ich, der so draufgeht und den Zweikampf sucht vor dem Abschluss.“

    Ausgestattet mit einer großen Portion Selbstvertrauen präsentiert sich auch zu Beginn dieser Saison ein Stefan Kießling, der in der Lage ist, der Liga seinen Stempel aufzudrücken. Losgelöst von den mittlerweile albernen Diskussionen um des Bundestrainers Nominierungskriterien macht der Leverkusener Liebling das, was er gut kann. Dass dies mittlerweile eine Menge mehr ist, als rennen, kämpfen, grätschen und köpfen, belegte eben diese fulminante Aktion zum 3:1. Dass er keiner der alten Tugenden verlustig gegangen ist, bewies ein Veilchen am linken Auge, zugezogen beim Kopfballtor zum 2:1 im harten Zweikampf mit Gegenspieler Robin Knoche. Vier Tore und drei Assists stehen für den Blondschopf wieder zu Buche, hätten Sidney Sam und Heung-Min Son am Samstag nach jeweils perfekter Vorarbeit Kießlings nicht enormes Schusspech entwickelt, stünde er alleine an der Spitze der Scorer-Liste.

    Wie Kießlings Möglichkeiten gewachsen sind, so wuchsen auch die des Kaders. Es scheint, als habe Bayer einmal mehr klug die Möglichkeiten erhöht. So durfte Ömer Toprak sich nach zwei Länderspielen mit der Türkei gegen Wolfsburg ausruhen, für ihn kam Philipp Wollscheid zum ersten Einsatz. Und siehe da: Er machte seine Sache mehr als gut, scheiterte knapp am Torerfolg, zeigte keine Spuren von mangelnder Spiel- oder Wettkampfpraxis. Die Sami Hyypiä allerdings auch nicht akzeptiert hätte. Für ihn ist jedes Training ein Wettkampf, „wer hier Fehler macht, der macht sie auch im Spiel. Das ist der einzige Weg“, lautet sein Credo. Wie es scheint, ist Wollscheid auf diesem ein gutes Stück weitergekommen.
    F. Lußem


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 16.09.13

    Lachend quittierte SAMI HYYPIÄ den 3:1-Sieg gegen den VfL Wolfsburg. Ob er auch am Dienstag in Manchester etwas zu lachen hat?

    Der Signalton, der die Spieler im „Old Trafford“ kurz vor Spielbeginn in die Katakomben befiehlt, war schon verklungen. Die „Reds“ auf der einen und die „Red Devils“ auf der anderen Seite warteten darauf, den Rasen des „Theatre of Dreams“ zu entern an diesem nasskalten 14. März 2009. Da schaute Liverpools Trainer Rafael Benitez kurz zu Sami Hyypiä und gab ihm das Zeichen: „Du spielst!“

    Unverhofft kommt oft! Alvaro Arbeloas Oberschenkelverletzung spülte Hyypiä kurzfristig in die Mannschaft, in seiner letzten Saison für den FC Liverpool sollte es – was zu diesem Zeitpunkt niemand wusste – das letzte Spiel über 90 Minuten für „The Big Finn“ werden. Für den Mann, der längst in die Historie des ruhmreichen Klubs aus der Stadt der Beatles eingegangen war. Was dann kam, damit hatte niemand rechnen können: „Es wurde eines meiner besten Spiele“, erinnert sich der Trainer von Bayer Leverkusen. Der Nachmittag geriet zum Triumph für Hyypiä und Liverpool: 4:1 stand es am Ende für die Gäste, geschockte ManUnited-Fans applaudierten dem Gegner, den eigenen Anhängern standen Tränen der Rührung in den Augen.

    Ein Sieg in Old Trafford? Utopie für Bayer Leverkusen? Einer weiß, wie’s geht: Sami Tuomas Hyypiä. Als Spieler des FC Liverpool ging er fünfmal jubelnd vom Rasen des legendären Stadions, dessen Bedeutung er nicht kleinreden will: „Es ist etwas Spezielles. United ist ein großer Klub mit einem großen Team.“ Aber, Bange machen gilt nicht: „Die Spieler werden nicht beim Aufwärmen auf dem Platz stehen und mit großen Augen auf die Tribünen schauen. Sie kennen diese Atmosphäre. Das Stadion in Dortmund ist größer!“

    Als eines von „vielleicht 45 oder mehr Spielen in dieser Saison“ bezeichnet er Leverkusens Auftaktpartie der diesjährigen Champions League. Er gibt sich Mühe, Respekt und Selbstbewusstsein in ein gesundes Mischungsverhältnis zu setzen. Großmäuligkeit ist ihm so fremd wie Bayer ein Titel, im ganzen Satz klingt dies dann so: „Ich würde nie sagen, wir gewinnen diese Gruppe. Aber ich verspreche, dass wir unser Bestes tun, um so viele Punkte wie möglich zu holen. Und dann sehen wir, wo wir am Ende stehen.“

    Vizekusen – würde die Mannschaft in dieser Gruppe ihren patentierten Nickname mit Leben erfüllen, in Leverkusen wären sie glücklich. International zu überwintern ist das Ziel, aber die Auslosung birgt Gefahren und Stolpersteine. „Aus dem vierten Topf Real Sociedad zu bekommen, das ist unglücklich“, sagt Hyypiä. Und Donezk sei ohnehin unangenehm, gespickt mit Brasilianern, „insgesamt ist es eine sehr schwere Gruppe“. Um diese Spiele erfolgreich bewältigen zu können, impft Hyypiä mit seinem Team den Spielern Tag für Tag, Training für Training, Besprechung für Besprechung immer wieder ein: „Konzentriert euch auf dem Platz!“

    Konzentration – das Lieblingswort des Trainers Sami Hyypiä. „Fußball spielen können sie alle“, sagt er, „aber ohne Konzentration erreichst du nichts. Die meisten Spiele werden im Kopf entschieden, ganze Karrieren entscheiden sich über die Konzentration.“

    Manchmal denkt Hyypiä, er würde seine Profis zu oft daran erinnern, dass sie sich in höchstem Maße konzentrieren müssen. Dann aber wieder sieht er hinten am Trainerhorizont die Idealvorstellung: „Stell dir vor, jeder Spieler ist in jedem Training, in jedem Spiel, zu einhundert Prozent konzentriert. Dann muss ich nicht mehr motivieren, nicht mehr mahnen.“ Trainer-Träume.

    Die Realität sieht anders aus, er musste es zuletzt erfahren, als seine Mannschaft saft- und kraftlos Aufbauhilfe für einen angeschlagenen FC Schalke leistete. Mit dieser Leistung hatte er nicht gerechnet, sie demonstrierte ihm, was passiert, wenn man eben nicht konzentriert ist. Hyypiä, der ruhige und bedächtige Hüne, entwickelt Temperament bei seinem Plädoyer für die richtige Einstellung: „Wenn du immer alles gibst, ob gegen Lippstadt, Braunschweig, Schalke oder Manchester United, dann kannst du alles gewinnen, dann hast du eine Chance, etwas zu erreichen.“ Als es am Samstag gegen Wolfsburg den Anschein hatte, dass es wieder in die falsche Richtung geht, nutzte Hyypiä mit seinem Trainerteam die Pause, um Korrekturen vorzunehmen. „Wir haben in der Halbzeit darüber geredet, was nicht läuft. Es hat geholfen“, resümierte Innenverteidiger Philipp Wollscheid, „plötzlich war wieder Zug in den Aktionen, viel mehr Konzentration.“

    Die Bereitschaft, dem Erfolg während der 90 Minuten alles zu opfern, was Körper und Kopf zu geben in der Lage sind, die fordert Hyypiä ein. Ansonsten fordert er nichts. Keine Einkäufe, keine Titel. Mit dem Klubziel „internationaler Wettbewerb“ kann er leben: „Das ist total realistisch.“

    Einer seiner Vorgänger, der heutige Bremer Trainer Robin Dutt, kam einst nach Leverkusen und sprach von der Meisterschaft. Es dauerte keine zwei Monate und ein paar herbe Enttäuschungen, da musste er dieses Ziel schon korrigieren. Nicht öffentlich, dies machten die Medien für ihn. Er musste es – viel schlimmer – intern korrigieren, seiner Mannschaft gegenüber. Eine bittere Niederlage, ein großer Vertrauensverlust und der Anfang vom Ende für diesen Trainer auf dieser Station.

    In diese Situation will Hyypiä nicht geraten. Deshalb erwähnt er die eigenen Stärken, warnt jedoch im gleichen Atemzug vor dem Gegner, vor den Konsequenzen unprofessioneller Einstellung. Wer nun will, kann ihn als typischen Vertreter der „Sowohl als auch“-Fraktion abtun – doch alles, was er sagt, ist ihm wirklich ernst. Schon alleine, weil ein Sami Hyypiä nicht verdächtig ist, zu reden um des Redens willen. Er schweigt ohnehin lieber.

    Eines aber verrät er dann doch noch. Es gab ja beileibe nicht nur große Siege in Old Trafford, er habe da auch oft verloren. Und, viel schlimmer noch: „Ich habe gegen Manchester United die einzige Rote Karte meiner ganzen Karriere gesehen.“ Da war er wohl einen Moment unkonzentriert.
    FRANK LUßEM


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 16.09.13

    LEVERKUSEN: Sami Hyypiä mahnt „100 Prozent Konzentration“ an

    Konzentration – das Zauberwort des Sami Hyypiä. „Alles“, sagt der Leverkusener Trainer, „kannst du erreichen, wenn du dich konzentrierst.“ Jeden Gegner könne man schlagen, jedes Ziel erreichen – aber umgekehrt auch alles verspielen.

    Konzentration auf die Mannschaft, das nächste Spiel, das Training. Hyypiä verlangt nicht mehr und nicht weniger als 100 Prozent Beschäftigung mit dem Job und dem Arbeitgeber. Und hat es deshalb nicht gerne, wenn seine Spieler mit anderen Klubs in Verbindung gebracht werden. Heung-Min Son ist so einer. Dem Koreaner wurde in dieser Woche ein Flirt mit Manchester United nachgesagt, ausgerechnet also der Mannschaft, gegen die es am kommenden Dienstag in der Champions League geht. Fakt ist, dass Manchester United ihn auf dem Schirm hatte – wie ein Dutzend anderer Top-Talente in ganz Europa.

    „Ich habe nicht den Eindruck, dass Sonny abgelenkt oder mit den Gedanken bei einem anderen Klub ist. Ich bin sicher, er konzentriert sich auf Leverkusen“, sagt Hyypiä. Doch bei Bayer ist man vorgewarnt: André Schürrle, der schnell keinen Hehl daraus machte, dass er Bayer nur als Zwischenstation auf dem Weg zu einem „großen“ Klub sah, war bei einem Teil der Anhänger ebenso schnell unten durch. Fans verzeihen einiges, Legionärsdenken gehört nicht dazu. Davon will Son freilich nichts wissen: „Ich habe mich ganz bewusst für Leverkusen entschieden und ebenso bewusst für einen langfristigen Vertrag. Ich will Erfolg mit Bayer. Alles andere zählt nicht“, sagt der 21-Jährige, der bis 2018 an die Werkself gebunden ist, für die kommenden zwei Jahre sieht der Kontrakt nach kicker-Informationen keine Klausel vor, die einen Ausstieg ermöglicht.

    Vor allem anderen steht ohnehin die Leistung. Son offenbarte seine Vorzüge (schnell, dribbelstark, beidfüßig und mit einer tollen Schusstechnik gesegnet), ließ jedoch Konstanz vermissen – kein Wunder, der Junge ist 21 und arbeitet sich angsam an die höheren Anforderungen in Leverkusen heran. Die nächste Gelegenheit kommt am Samstag, danach kann er an Manchester denken. Aber nur bis Dienstagabend.
    FRANK LUßEM

    Quelle: kicker-Printausgabe vom 12.09.13

    LEVERKUSEN: Last-Minute-Zugang Derdiyok antwortet

    Hoffenheim ist Geschichte. Eren Derdiyok (25) greift wieder in Leverkusen an, wie schon von 2009 bis 2012. Hier spricht der Schweizer über seine Pläne.


    Herr Derdiyok, was hätten Sie vor drei Wochen dem geantwortet, der Ihnen eine Zukunft bei Bayer Leverkusen prophezeit hätte?

    Ich hätte gesagt: hoffentlich! Aber ich war so weit weg, so tief im Loch, dass mir solch ein Gedanke nie gekommen wäre. Ich wollte einfach in eine funktionierende Mannschaft, in der ich zeigen kann, was ich draufhabe. Leverkusen ist natürlich ein Traum.

    Was haben Sie empfunden, als Sie merkten, dass dieser Traum wahr wird?

    Es gab einige Anfragen und Angebote. Als mein Berater Dirk Hebel mir sagte, er habe mit Bayer-Manager Michael Reschke gesprochen und da könne sich etwas ergeben, da hat’s direkt gekribbelt. Die Gespräche verliefen dann realistisch, kein Gerede von früher, es ging nur um die Zukunft.

    Rudi Völler sagte, es sei insgesamt zu wenig gewesen, was Sie gezeigt hätten, aber längst nicht alles schlecht. Trifft es das?

    Ganz klar. Mir hat die Konstanz gefehlt, die Fähigkeit, nach zwei guten Spielen auf diesem Level zu bleiben. Umso wichtiger ist es, dass ich jetzt die Chance bekomme, allen zu zeigen, dass ich einiges begriffen habe.

    Was?

    Dass ich ans Limit gehen muss. Dass ich wie ein Profi leben muss, Respekt und Disziplin auf dem Rasen und außerhalb lebe. Mein Problem war, dass es keinen Durchschnitt gab. Ich war entweder gut und habe tolle Tore gemacht. Oder ich war so schlecht, dass mich keiner auf dem Platz sah. Das muss vorbei sein. Ich habe begriffen, dass man mich auch dann sehen muss, wenn ich nicht so gut drauf bin.

    Kann Stefan Kießling da Vorbild sein?

    Auf jeden Fall! Das ist ja eine seiner großen Stärken. Wenn es bei mir nicht gut läuft, muss ich eben alles dafür tun, dass ich dem Gegner das Spiel versaue. Und das geht über Einsatz, Kampf und Leidenschaft.

    Ist es ein Problem, dass mit Sami Hyypiä ein ehemaliger Kollege nun Ihr Trainer ist?

    Im Gegenteil! Sami war schon mein Trainer, als wir noch Kollegen waren. Er hat mir gezeigt, wie ich mich verhalten soll. Er ist ein ganz Großer, vor dem ich riesigen Respekt habe. Sami hat mir immer geholfen. Ich bin mir sicher, dass er mir auch jetzt helfen wird.

    Ersatz, Alternative, Backup, Antreiber, Motivator – in welcher Rolle sehen Sie sich hinter Kießling?
    In jeder, die Sie beschrieben haben. Ich kann da viel draus machen. Ich will Stefan unterstützen, ihn entlasten, natürlich auch spielen und dann überzeugen. Ich will der Mannschaft helfen und dem Verein etwas zurückgeben.

    Sie sind sich der Tatsache bewusst, dass Sie an diesen Worten gemessen werden?
    Klar. Ich stehe hier in der Pflicht. Ich bin hierher gekommen für einen Neuanfang. Wir haben genug Spiele, ganz große Herausforderungen. Das motiviert mich ungemein.

    Trotz des kuriosen 4:4 gegen Island besitzt die Schweiz realistische WM-Chancen. Sie auch?

    Ich habe das Spiel am Fernseher verfolgt und wäre fast verrückt geworden. Aber wir sind Gruppenerster und können jetzt in Norwegen einen Big Point setzen.

    Ohne Sie – Sie wurden zuletzt nicht mehr berufen. Bangen Sie um die WM-Teilnahme?

    Ich bin laufend in Kontakt mit Herrn Hitzfeld, weiß, was er von mir erwartet. Dass ich nicht dabei war, ist kein Grund, sich verrückt zu machen. Die Chance ist groß.

    Sie sagten selbst, in Hoffenheim seien Sie in ein tiefes Loch gefallen. Welchen Eren Derdiyok sieht die Liga demnächst?

    Darauf will ich ab kommender Woche auf dem Rasen antworten!
    INTERVIEW: FRANK LUßEM


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 09.09.13

    LEVERKUSEN: Bayer erzielte ein Plus von 20 Millionen auf dem Markt

    Der Leihtransfer von Eren Derdiyok nach Leverkusen war ein eher kleiner Deal, der ziemlich unbemerkt geblieben wäre, wenn nicht Derdiyok kurz vorher mit der TSG Hoffenheim vor Gericht gestanden hätte. Vom Volumen her ging das Geschäft völlig unter zwischen all den großen Transfers mit der Verpflichtung von Kevin-Prince Boateng durch Schalke als lautem Schlussakkord.

    Warum Derdiyok? Eine Frage, die man stellen kann. Weil Bayer ihn vor Jahresfrist ja gerne nach Hoffenheim gehen ließ. Nicht nur wegen der 5,1 Millionen Euro Ablöse, die da floss. Gekostet hatte er drei Jahre vorher weniger, knapp 3,6 Millionen Euro gingen an den FC Basel. Es ging auch darum, dass man nicht restlos zufrieden war, zu oft das Gefühl hatte, dass da weniger passierte, als möglich ist.

    Nun kam er, weil Bayer weiß, was er kann und dass er besser ist, als er es häufig zeigte. Die Branche schwärmt von Derdiyoks Potenzial. Und sie stöhnt laut auf, weil er es so selten abruft. Bei jeder Verpflichtung, auch bei dieser, schwingt ja immer auch die Hoffnung mit, dass es besser wird.

    Derdiyok aber kam auch, weil andere Verpflichtungen nicht möglich waren. Lucas Barrios stand ebenso auf der Liste wie Kevin Kuranyi und Hugo Almeida. Doch in diesen finanziellen Sphären kann Bayer bei der Suche nach einem Kießling-
    Back-up nicht mehr denken. Der Bundesliga-Dritte liegt so nach der Transferperiode mit einem Plus von rund 20 Millionen Euro deutlich an der Spitze des Rankings. Vereine wie der VfL Wolfsburg oder Schalke investieren deutlich mehr, ganz zu schweigen von den Bayern oder Borussia Dortmund. Auch in Sachen Gehältern ist Bayer nicht Dritter der Liga. Auch hier rangieren Klubs wie Schalke und Wolfsburg mit Abstand vor dem Werksklub, dessen Besitzer nicht willens sind, ähnliche Summen wie in Wolfsburg zu investieren, ja, nicht einmal Transfer- bzw. Champions-League-Erlöse werden reinvestiert. Das ist Tatsache, auch wenn Bayer in einer anderen Schublade steckt.

    Es ist nicht die Kohle, es ist eine Menge Phantasie nötig, frühes Aufstehen und ein gutes Auge. All dies führte Bayer im Ranking der vergangenen fünf Jahre auf Durchschnittsplatz drei in der Liga. Deshalb ist die Derdiyok-Verpflichtung logisch – für ein Zehntel der letztjährigen Transfersumme plus Kaufoption. Eine Niederlage auf Schalke aber ebenso!
    FRANK LUßEM


    Quelle: kicker-Printausgabe vom 05.09.13