Habe mir das Interview eben zur Gemüte geführt und muss schlussendlich sagen, dass es für mich nur so vor Widersprüchen strotzt. Ich habe eigentlich immer auf der Seite derer gestanden, die ihn eher verteidigt haben, aber hier finde ich, wirkt er doch wenig reflektierend, bei allen unpassenden Kommentaren, die er ertragen musste. Das will ich folgendermaßen mal so begründen:
Ich finde, bei Tillmans Aussagen gibt es schon ein paar Punkte, die man kritisch hinterfragen kann. Es geht dabei gar nicht darum, ihm seine Meinung abzusprechen, aber manche Aussagen passen für mich halt nicht ganz zusammen.
Auf der einen Seite spricht er von einem Neustart mit dem neuen Trainer, davon, dass er wieder Spaß hat und sich beweisen möchte. Gleichzeitig lässt er seine Zukunft offen und stellt damit schon wieder eine gewisse Distanz zum Verein her. Das wirkt zumindest etwas widersprüchlich.
Auch die Kritik an den Fans finde ich schwierig. Natürlich darf und soll Kritik nicht unter die Gürtellinie gehen, aber Profifußball lebt nun mal auch davon, dass Leistungen bewertet werden. Gerade wenn ein Spieler mit großen Erwartungen kommt, gehört es dazu, dass Fans nach schwächeren Leistungen kritisch reagieren. Unterstützung ist wichtig, aber sie kann nicht bedeuten, dass Kritik komplett ausbleiben muss.
Was mir außerdem fehlt, ist etwas mehr Selbstreflexion. Tillman spricht viel darüber, was von außen auf ihn eingewirkt hat, aber weniger darüber, welchen Anteil er selbst an der Situation hatte. Bei einem Spieler mit seinen Anlagen und Erwartungen gehört eben auch dazu, sich zu fragen: Habe ich meine Leistung konstant abgerufen? Habe ich die Erwartungen erfüllt? Habe ich vielleicht durch mein Auftreten selbst Reaktionen ausgelöst?
Interessant finde ich auch den Punkt, dass er einerseits sagt, er fühle sich in der Mannschaft wohl, andererseits aber davon spricht, nicht richtig angekommen zu sein. Wenn das direkte Umfeld und die Mitspieler positiv waren, stellt sich schon die Frage, warum die Ursachen hauptsächlich bei Führung, Trainer und Fans liegen.
Am Ende bleibt bei mir der Eindruck, dass Tillman vom Umfeld viel Verständnis und Loyalität erwartet, während er selbst mit seinen öffentlichen Aussagen eher eine gewisse Distanz zum Verein aufbaut. Natürlich ist es legitim, seine Sicht der Dinge zu äußern. Aber gerade als Spieler von Bayer 04 hätte ich mir gewünscht, dass solche Themen vielleicht zuerst intern angesprochen werden.
Für mich ist der Kernpunkt: Kritik an Spielern gehört zum Fußball dazu, genauso wie Kritik von Spielern an ihrem Umfeld. Entscheidend ist aber, ob man dabei auch die eigene Verantwortung sieht. Genau dieser Teil kommt mir in seinen Aussagen etwas zu kurz.