ndr.de
Schlammschlacht - DFB kritisiert unliebsamen Sportreporter
"Unglaublicher Demagoge". Diese Meinungsäußerung über DFB-Chef Theo Zwanziger sorgt derzeit für schlechte Stimmung zwischen dem Vormann des weltgrößten Sportverbandes und dem Sportjournalisten Jens Weinreich. Der hatte Zwanziger nämlich auf einer Fußball-Website so bezeichnet. Überraschend hart trat der DFB-Chef gegen Weinreich zurück, zog mit einer einstweiligen Verfügung vor Gericht , unterlag, will dem Sportjournalisten Weinreich jetzt aber per Pressemitteilung des DFB die rote Karte zeigen. Zapp über das unsportliche Spiel des Theo Zwanziger und den DFB, der sich weigert, dazu ein Interview zu geben.
Anmoderation:
Deutschland gegen England - haben Sie es gesehen? Ein spannendes Spiel. Doch mindestens genauso spannend ist das, was derzeit hinter den Kulissen des DFB passiert. Ein ungleicher Kampf! Der ganze Deutsche Fußball-Bund gegen einen einzelnen Sportjournalisten. Und das nur, weil der auf einer Internetseite seine Meinung über den DFB-Chef gesagt hat. Grit Fischer über ein unsportliches Spiel - David gegen Goliath!
Beitragstext:
Blitzlichtgewitter gestern nachmittag in Berlin: Pressekonferenz des DFB. Es ist eine nette, entspannte Atmosphäre. Man kennt sich, man duzt sich. Harmlose Fragen, freundliche Antworten. Nur Zapp erhielt keine Antwort. Frage Zapp: "Warum es eigentlich nur eine Presseerklärung gibt zum Fall Weinreich und Theo Zwanziger, und keine Statements?" Harald Stenger, DFB-Pressesprecher: "Wir haben hier Länderspielpressekonferenz und das ist auch das Thema heute hier." Unsere Fragen will er nicht beantworten, weder hier noch in den Tagen zuvor.
Widerspruch unerwünscht
Sein Schweigen betrifft ihn: Jens Weinreich. Der kritische Journalist leitete jahrelang das Sportressort der "Berliner Zeitung". Sein Themenschwerpunkt: Korruption in großen Sportverbänden. Und nun der Krach mit dem DFB. Jens Weinreich, freier Sportjournalist: "Das ist nichts weiter als ein pures Muskelspiel. Der DFB ist es nicht gewöhnt, wenn man ihm widerspricht." Weinreich hat nicht nur widersprochen, sondern den DFB-Präsidenten heftig kritisiert. Im Internet-Blog "direkter freistoss.de" hatte er in einem Kommentar den DFB-Präsidenten Theo Zwanziger einen "unglaublichen Demagogen" genannt. Es war seine Reaktion auf wütende Angriffe des DFB-Chefs gegen das Bundeskartellamt. Diese Behörde hatte zuvor die DFB-Pläne zur Fußballvermarktung kritisiert. Damit würde der Fußball kaputt gemacht, so Theo Zwanziger auf einer Podiumsdiskussion.
Begründete Wertung
Jens Weinreich: "Man muss den ganzen Vorgang, man muss die Atmosphäre nehmen, man muss den Beifall der Funktionäre dazu nehmen, das alles ergibt ja ein bestimmtes Fluidum, ne bestimmte Atmosphäre. Und ich hab ihn erlebt an dem Nachmittag und hab ganz normal diese Wertung, begründete Wertung getroffen, was man im übrigen täglich in den Zeitungen lesen kann, in Kommentaren." Der DFB-Chef fühlte sich diffamiert, sah sich in die Nazi-Ecke gedrängt. Er wehrte sich und beauftragte seine Anwälte mit juristischen Schritten gegen den Sportjournalisten. Der Zeitpunkt im Sommer war wohl mit Bedacht gewählt. Jens Weinreich: "Man wusste natürlich, ich bin in Peking, ich bin extrem unter Druck, extrem unter Stress, ich bin freier Journalist, also knicke ich ein, war vielleicht auch ne Überlegung." Doch Jens Weinreich knickte nicht ein, gewann den Prozess. Und dokumentierte danach den ganzen Streit mit dem DFB auf seinem Internet-Blog.
Inakzeptable Pressemitteilung
Der DFB reagierte vor wenigen Tagen - mit einer offiziellen Presseerklärung. Schon die Überschrift war eindeutig: "DFB missbilligt Diffamierung von Dr. Theo Zwanziger". Im Text wird Jens Weinreich eine unseriöse Berichterstattung vorgeworfen. Doch der Streit sei angeblich beendet, da der Berliner Journalist die "Bedingungen" von Theo Zwanziger erfüllt habe. Weinreich allerdings weiß davon nichts. Jens Weinreich: "Der Inhalt dieser Pressemitteilung ist absolut inakzeptabel, das ist ein Lügendschungel, das ist aus meiner Sicht natürlich absolute Diffamierung ohnegleichen. Und, das Wichtigste vielleicht sogar noch, es wird verheimlicht, dass es zwei Instanzen gab, die sich mit der Sache befasst haben und dass er in beiden Instanzen abgeblitzt ist." Auch auf unsere Anfrage für ein Interview mit Theo Zwanziger bekam Zapp vom DFB-Pressesprecher Harald Stenger nur den Hinweis auf die Presseerklärung. Und damit war das Thema erledigt. Harald Stenger: "Wir haben hier Länderspielpressekonferenz und das ist auch das Thema heute hier." Nachfragen unmöglich, dabei gäbe es viele Fragen.
Unwahrheiten weiterverbreiten
Auch zur Presseerklärung. Denn diese wurde vom Generalsekretär des DFB, Wolfgang Niersbach, vorab an 100 ausgewählte Politiker und Journalisten verschickt. Jens Weinreich: "Die Frage, warum er das verschickt hat an Sportpolitiker, die mit der Sache normalerweise gar nichts zu tun haben, an den "DOSB"-Präsidenten Thomas Bach, an andere Personen, an ausgewählte Journalisten wie den Chefredakteur des "Kicker", der früher mal langjähriger DFB-Pressechef war, die Frage ist klar zu beantworten, das hat er selbst formuliert: Sie, bitteschön, sind ausdrücklich gebeten und geradezu aufgefordert, diese Unwahrheiten über mich weiterzuverbreiten." Für Jens Weinreich ist diese DFB-Presseerklärung mehr als nur ein Lügengebilde. Sie bedroht seine Existenz als freier Sportjournalist.
David gegen Goliath
Jens Weinreich: "Es wird was hängen bleiben, das ist ganz logisch. Und vor allen Dingen, es ist auch natürlich verbreitet worden, die Unwahrheiten sind auch verbreitet worden, gezielt verbreitet worden, zu Personen, über die ich quasi täglich Bericht erstatte, wenn man so will. Die ich zumindest beobachte, Sportpolitiker, Sportfunktionäre, die alle sind quasi mit diesen Falschinformationen, mit diesen Unterstellungen, mit diesen Lügen gefüttert worden." Es ist ein Kampf David gegen Goliath - ein kritischer Sportjournalist gegen den scheinbar übermächtigen "Deutschen Fußball-Bund". Jens Weinreich: "Beim DFB haben wir es halt mit einem nationalen Verband zu tun, aber einem milliardenschweren Verband, der mit einer unglaublichen Macht auch Medienmacht ausgestattet ist. Da auf der anderen Seite stehen ein paar Journalisten, die sich teilweise, nicht alle, untereinander vernetzen. Aber sie haben, und wenn man noch ein freier Journalist ist wie ich dazu, null Absicherung über einen Verlag oder ein Medienhaus. Also, der Kampf an sich, ist natürlich immer ein ungleicher Kampf." Doch zu diesem ungleichen Kampf gab es gestern keine einzige Journalistenfrage - außer von Zapp. Harald Stenger: "Wir haben hier Länderspielpressekonferenz und das ist auch das Thema heute hier." Der Abgang eines DFB-Sprechers. Lästige Fragen mag er nicht!
Abmoderation:
Seit heute bekommt Weinreich aber Unterstützung von den großen Journalistenverbänden. Sie appellieren an den DFB, das Foulspiel endlich zu beenden
Quelle: [URL=http://www3.ndr.de/ndrtv_pages_std/0,3147,OID5114432_REF2488,00.html]ndr.de[/URL]
Wenn die Menschen nur über das sprächen, was sie begreifen, dann würde es sehr still auf der Welt sein. (Albert Einstein)
This post has been edited 1 times, last edit by "Tapeworm" (Nov 21st 2008, 3:15pm)