Interview der Woche: Rudi Völler
"Wir sind einen Tick besser als Schweden"
Rudi Völler, Weltmeister 1990, war der Teamchef der Elf, die in Südkorea und Japan 2002 etwas überraschend Vize-Weltmeister wurde. Im kicker vergleicht der Sympathieträger die WM 2006 mit dem Turnier von 2002 in Asien und sagt unter anderem, wen er neben Deutschland im Finale erwartet.
kicker: Zur WM 2002 fuhr Deutschland als krasser Außenseiter und kehrte als Vizeweltmeister zurück.Vergleichen Sie bitte die Situation von 2002 mit der von 2006.
Rudi Völler (46): Das ist schwer zu vergleichen. 2002 hatte uns keiner etwas zugetraut. Da galt das Überstehen der Vorrunde schon als Erfolg. Dann sind wir durch das Kamerun- Spiel (2:0, letztes Gruppenspiel, d. Red. ), wo wir zur Halbzeit mit einem Bein fast ausgeschieden waren, auf eine Welle gehoben worden. Das war der Knackpunkt. Wir standen kompakt, haben in sieben Spielen nur drei Tore kassiert. Jetzt sehe ich das Polen-Spiel als Knackpunkt. Das war eine Klasseleistung, ein Highlight. Seither höre ich aus vielen Gesprächen: Auf die Deutschen müssen wir aufpassen, die können richtig weit kommen! Und daran glaube ich auch.
kicker: Wie weit?
Völler: In den K.-o.-Spielen entscheidet die Tagesform. Mit der Euphorie und der Einstellung der Mannschaft in den drei ersten WM-Spielen kann sie ins Finale gegen Brasilien kommen.
kicker: Wie stark ist Schweden?
Völler: Das wird der bisher schwierigste Gegner, weil der sehr körperbetont spielt. Sie waren gegen England unwahrscheinlich laufstark; auch in der Luft bringen sie höchste Qualität. Unglaublich, welche Chancen die bei Eckbällen und Freistößen gegen eine so kopfballstarke Mannschaft wie die Engländer hatten. Da muss man sehr aufpassen. Aber das Kopfballspiel ist auch eine unserer großen Stärken. Ich bin sehr gespannt auf das Spiel und glaube, dass sich die Qualität durchsetzen wird. Wir sind einen Tick besser und gewinnen.
"Es gibt keinen Grund, dass Klinsmann aufhört"
kicker: Haben Sie Philipp Lahm diese Leistungsexplosion zugetraut?
Völler: Er war schon 2004 bei der Enttäuschung in Portugal ein Gewinner, wenn man das bei einem Vorrunden- Aus überhaupt sagen kann. Da hat er sich seine ersten Sporen erarbeitet und eine gute EM gespielt. Jetzt wird er getragen, auch durch sein Tor im Eröffnungsspiel, durch die ganze Euphorie. Er macht es richtig toll, ist nun ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit getreten.
kicker: Fünf Tore in der Vorrunde bei der WM 2002, danach kein Treffer mehr. Kann Miroslav Klose 2006 nach vier Vorrunden-Toren WM-Schützenkönig werden?
Völler: Der Miro hat einen enormen Satz gemacht. Der Wechsel nach Bremen hat ihm unheimlich gut getan. Vor vier Jahren galt er als kopfballstark und schnell. In den letzten zwei Jahren hat er eine spielerische Entwicklung gemacht, erzielt viel mehr Tore am Boden durch technische Finessen und hat sich absolut in die Weltspitze der Torjäger gespielt. Er hat über die ganze Saison überzeugt: Und jetzt sehe ich auch nicht die Gefahr, dass es, wie vor vier Jahren, nach der Vorrunde etwas weniger wird.
kicker: Muss Bremen fürchten, dass Klose nach der WM ins Ausland wechselt?
Völler: Wenn er so weiter macht - Das hängt natürlich von seinen Plänen ab, ob er noch zu einem absoluten Topklub in Europa wechseln will. Das kann ich nicht beurteilen.
kicker: Was hat der Torjäger Klose vom Torjäger Völler?
Völler: Dass er zu keiner Sekunde aufgibt. Selbst bei einer kleinen Durststrecke im Spiel ackert er weiter. Die Brasilianer haben vorne Probleme mit Adriano und Ronaldo. Das ist das Sensationelle bei Miro, dass er nicht nur die Tore macht, sondern auch nach hinten arbeitet und die gegnerische Defensive am Spielaufbau hindert. Das macht er besser als die Brasilianer, das macht ihn noch wertvoller.
kicker: Was erwarten Sie bei dieser WM noch von Michael Ballack?
Völler: Dass er jetzt gegen die schweren Gegner als absoluter Chef zum Mann der wichtigen Tore wird, die er seit Jahren macht. Bei der WM 2002, auch bei Bayern München - denen wird er noch richtig fehlen - hat er immer die Tore gemacht, die sonst keiner erzielt. Oftmals das 1:0 oder das 2:1 zu erzielen in Spielen, die auf der Kippe stehen, zuzuschlagen - das ist eine seiner ganz großen Stärken.
kicker: Praktiziert Klinsmann einen anderen Stil als Sie?
Völler: Ja. Meine Philosophie 2002 war, aus den vorhandenen Spielern eine Mannschaft zu formen, die gewinnen kann. Wir haben defensiv gespielt, mit Dreierkette, die zeitweise zur Fünferkette wurde, wenn die Außen, rechts Frings, links Bode, sich zurückgezogen haben, und noch mit einer zusätzlichen Absicherung im zentralen Mittelfeld. Wir hatten eine defensivere Einstellung. Das macht der Jürgen jetzt anders. Nicht zuletzt durch die Konstellation einer WM im eigenen Lande musst du offensiver spielen. Das machen sie sehr gut, stören den Gegner frühzeitig, um in Ballbesitz zu kommen. Ich hatte mich für etwas anderes entschieden, so konnten wir letztlich in Japan und Südkorea erfolgreich sein.
kicker: Raten Sie Jürgen Klinsmann zur Vertragsverlängerung?
Völler: Die Entscheidung liegt bei ihm. Ich weiß nicht, ob er das abhängig davon macht, wie weit Deutschland bei der WM kommt. Die zwei Jahre hat er toll gemacht.Es gibt keinen Grund, dass er aufhört mit einer Mannschaft, die alle Perspektiven hat.
kicker: 2002 sangen die Fans: "Es gibt nur ein' Rudi Völler", jetzt gibt?s "nur ein? Jürgen Klinsmann."
Völler: Das hat sich der Jürgen verdient.
Interview: Rainer Franzke
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